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ANFECHTUNGEN UND ANTWORTEN „Aktuelle Diskussion“ Es ist gewiss eine der ganz großen Merkwürdigkeiten
der Geschichte, dass Hans Meiser, dem ersten Landesbischof der
Evang.-Luth. Kirche in Bayern, der 1934 von den Nationalsozialisten aus
Amt und Würden vertrieben werden sollte („Fort mit Landesbischof
Meiser!“ stand 1934 überall in Nürnberg zu lesen), heute, 72 Jahre
später, ausgerechnet von demokratischen Kräften dasselbe Schicksal
zugewiesen werden soll. „Hans Meiser war Antisemit“ Tatsache ist: Es gibt keine (!) anderen (weder mündlich noch
schriftlich!) antisemitischen Äußerungen von Hans Meiser als jene im
Artikel von 1926, die z.T. nicht einmal direkt von ihm selbst, sondern
aus entsprechendem Material stammen. Der Artikel, der aufgrund einer
aktuellen Diskussion geschrieben wurde, befasst sich mit der Frage, wie
sich Christen Juden gegenüber zu verhalten hätten. Zunächst stellt der
Autor Überlegungen allgemeiner Art zum Judentum an, dann gibt er in
drastischen Worten die damalige antisemitische Stimmung wieder, um
schließlich zu versöhnlichen Schlussfolgerungen wie diesen zu gelangen:
„Vor allem können wir jenen keine Gefolgschaft leisten, die Juden bloß
um ihrer Rasse willen von vorneherein und ohne Ausnahme als
minderwertige Rasse ansehen... Gott hat uns nicht zur gegenseitigen
Vernichtung, sondern zur gegenseitigen Förderung geschaffen... Der Kampf
gegen das Judentum hat unter uns solche Formen angenommen, dass alle
ernsten Christen förmlich genötigt sind, sich schützend vor die Juden zu
stellen.“ (Bei Diskussionen um diesen Artikel werden o.g. Passagen
bezeichnenderweise meist nicht zitiert). Man kann festhalten: Obwohl in
diesem Aufsatz antisemitische Äußerungen vorhanden sind, die aber nicht
aus Judenhass, sondern aus dem damaligen evangelischen Bedürfnis der
Judenmission verfasst wurden, darf man daraus nicht schließen, dass Hans
Meiser Antisemit war – denn u.a. zeigen folgende Fakten (s.beigefügte
Dokumente) ein völlig anderes Bild: „Hans Meiser schwieg zur Euthanasie“ Auch dieser Vorwurf entpuppt sich als unhaltbar, wenn man die Fakten
kennt. Schon am 23.2.1940 wurde Hans Meiser bei Reichsstatthalter Ritter
von Epp vorstellig, um gegen die Tötungsaktion der Nazis „in sichtlicher
Erregung“ zu protestieren. Einige Monate später begannen die
Geheimverhandlungen von Pastor von Bodelschwingh mit dem Naziregime. Um
sie nicht zu gefährden, schrieb dieser: „Tut Ihr jetzt in den Gemeinden
nichts in dieser Sache. Ihr gefährdet unsere Verhandlungen und Ihr
gefährdet damit das Leben unserer Kranken“. Aus diesem Grunde – und
nicht aus eventueller Feigheit – blieb der öffentliche Protest der
Bayerischen Landeskirche aus. „Hans Meiser vereidigte die Pfarrer auf den Hitlergruß“ Der Vorwurf ist richtig. Wenn man allerdings weiß, dass Hans Meiser vom Staat vor die Alternative zwischen Hitlergruß oder Abschaffung des Religionsunterrichts gestellt wurde, müsste man eigentlich verstehen, dass er als Theologe und Kirchenmann den Hitlergruß als das kleinere Übel ansah. Leider übersah auch der BR-Film vom 31.5. 2006 dieses so wichtige Detail. Aus der Problematik, zwischen Opposition und erzwungener direkter oder indirekter Anpassung zu stehen, lassen sich viele Handlungen Hans Meisers erklären, denen eine unaufgeklärte Öffentlichkeit heute mit Unverständnis begegnet (Geburtstagstelegramm an Hitler, Glockenläuten bei Siegen etc.) „Hans Meiser schwieg, als die Synagogen brannten“ Auch dieser Vorwurf ist richtig. Doch hier gilt ebenfalls: Wenn man weiß, dass nur kurz vorher die eben erst renovierte Matthäuskirche, die Mutterkirche der Protestanten in München, auf Befehl Hitlers abgerissen worden war, versteht man vielleicht die Überlegung Hans Meisers, dem klar war, dass jeder Protest weitere Zerstörungen von Gotteshäusern, egal welcher Religion, zur Folge haben würde. „Hans Meiser fiel der Bekennenden Kirche in den Rücken“ Hans Meiser war 1934 Sprecher der gesamten kirchlichen Opposition. Mit dem von Pfarrer Niemöller geführten Pfarrernotbund arbeitete er lange zusammen. Ab 1936 hat Meiser die Opposition gegen den Staat und das staatliche Kirchenregiment allerdings anders geführt als der Pfarrernotbund, zu ihm jedoch immer Verbindung gehalten. Anderer Meinung zu sein und andere Maßnahmen für nötig zu halten ist noch lange kein „in den Rücken fallen“. „Hans Meiser pries den erfolgreichen Polenfeldzug“ Der Text dieser unglückseligen Kanzelabkündigung stammt nicht von Hans Meiser, wie immer wieder behauptet wird, sondern von der Deutschen Evangelischen Kirchenkanzlei in Berlin, mit der die Bayerische Landeskirche nichts zu tun haben wollte. Dennoch hatten die Landeskirchen die Kanzelabkündigung weiterzugeben. In Bayern traf sie gar nicht rechtzeitig ein, so dass sie dort nicht verlesen werden musste. „Hans Meiser paktierte mit dem Naziregime“ Dieser Vorwurf ist deshalb unsinnig, weil Hans Meiser ja selbst von den Nationalsozialisten verfolgt wurde, da er sich erfolgreich gegen die Gleichschaltung durch die regimetreuen „Deutschen Christen“ stellte, weshalb er vom Staat als abgesetzt erklärt und zu Hausarrest verurteilt wurde. Hans Meiser musste sich stets zwischen Skylla und Charybdis bewegen. Denn er hatte sowohl seine Kirche und deren Mitglieder zu retten als auch anderen Bedrohten beizustehen. Dass er als Verantwortlicher nicht zum Tyrannenmord aufrief, ist eine Forderung lutherischer Ethik. Dass er der Meinung war (wie auch Pius XII. oder Kardinal Faulhaber), öffentlicher Protest würde nur noch mehr Schaden herbeiführen und den Verfolgten in keiner Weise helfen (weshalb die Hilfe in aller Stille zu geschehen hätte), darüber ist lange gestritten worden (und wird es wohl auch weiter noch werden). Doch wer möchte hierüber ein abschließendes Urteil aussprechen? Der Protestbrief holländischer Bischöfe kostete 40.000 Menschenleben, wozu hätte dann weiterer öffentlicher Protest wohl geführt? Die persönlichen Proteste Hans Meisers bei den zuständigen Behörden oder Personen verhallten ungehört, und öffentliche Protestaktionen hielt er für zu gefährlich. Was also hätte er tun sollen? Schon deshalb ist der Vorwurf, es gäbe „Verstrickungen Hans Meisers mit dem Naziregime“ haltlos. Das geht auch aus einem Satz Hans Meisers hervor, den er bei der Sitzung der Bayerischen Landessynode im Juli 1946 äußerte: „Nachträglich rühmt sich der Polizeipräsident von Nürnberg, dass ich und die Pfarrer von Mittelfranken es ihm zu verdanken hatten, dass wir nicht ins KZ kamen.“ Es bestand also eindeutig eine direkte Gefährdung. „Es gibt kein Schuldbekenntnis Hans Meisers“ Auch diese Ansicht ist falsch, denn es existieren derer gleich sechs.
Zwei aus der Zeit vor 1939 (Januar 1934, Juli 1938, die sich auf seine
anfängliche Zustimmung zu Hitler beziehen) und drei nach Kriegsende
(Stuttgart Oktober 1945, München Juli 1946, Lund Juni/Juli 1947, die das
Versagen der Kirche betreffen). Das wichtigste Dokument aber wurde Ende
Juli 2006 entdeckt. Bei der Friedhofsweihe für die Opfer des KZ Dachau
am 16.12.1949 sagte Hans Meiser: „…Wir denken daran, dass wir alle durch
den Ungeist der Zeit, der zu diesen Gräbern geführt hat, mitschuldig
geworden sind…“ Und der Oberrabbiner Aron Ohrenstein mahnte: „Wir sind
hier zusammengekommen, um mit den Vertretern der beiden anderen
Religionen der ganzen Welt zu zeigen, dass wir uns im Geist des
Verzeihens verständigt haben, und dass wir uns nicht von der Hetze
beirren oder leiten lassen, die man wegen dieser Gräber entfacht.“ Wirklich fort mit Landesbischof Meiser? |