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OPPOSITION UND ERZWUNGENE ANPASSUNG
Zum Verständnis des Verhaltens von Landesbischof Meiser im 'Dritten Reich'
Obwohl man annehmen könnte, dass alles, was die
Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten 1933-1945 betrifft,
erforscht ist, gibt es einen Punkt, dem sich – bis auf wenige Ausnahmen
– die wissenschaftliche und öffentliche Aufmerksamkeit bislang nur
peripher genähert hat: der Tatsache nämlich, dass Hitler entgegen seines
ursprünglichen Versprechens, die beiden christlichen Konfessionen
unangetastet zu lassen, die völlige Auslöschung des Christentum in
Deutschland auf seinen Plan gesetzt hatte. Diese konnte natürlich nicht
sofort, sondern erst nach dem „Endsieg“ geschehen, wobei die führenden
Personen der Kirchenleitungen entfernt werden und die Gläubigen
allmählich entchristianisiert werden sollten. Aus der großen Fülle an
Dokumenten, welche diesen Plan belegen, seinen nunmehr einige
signifikante angeführt:
„Diese Weltkirchen sind auf alle Fälle der Seele des Volkes fremd, auch
der Kult der Kirche ist artfremd...Nur jener Fürst konnte sich
behaupten, der der Kirche dienstbar war, daher auch die Bezeichnung >von
Gottes Gnaden<, die Auslegung lautet richtig, durch die Gnade der
Kirche...(Ihr Ziel sei) die Welt zu beherrschen...Das deutsche Volk aus
diesem Joch zu befreien, gehört mit zu den Kulturaufgaben der Zukunft.“
(Hitler 1908 an seinen Jugendfreund Kubizek)
„Ohne Juda, ohne Rom, wird gebaut Germaniens Dom! Heil!“ (NS-Slogan)
„Ich werde bestimmt keine Märtyrer aus ihnen machen. Zu simplen
Verbrechern werden wir sie stempeln. Ich werde ihnen die ehrbare Maske
vom Gesicht reißen. Und wenn das nicht genügt, werde ich sie lächerlich
und verächtlich machen. Filme werde ich schreiben lassen...wenn ich
will, könnte ich die Kirche in wenigen Jahren vernichten.“ (Hitler
Anfang 1933 zum Danziger NSDAP-Senatspräsidenten Hermann Rauschning)
„Was ist uns heute das Christentum? Nationalsozialismus ist Religion. Es
fehlt nur noch das religiöse Genie, das alte überlebte Formeln sprengt
und neue bildet. Der Ritus fehlt uns. Nationalsozialismus muss auch
einmal Staatsreligion der Deutschen werden. Meine Partei ist meine
Kirche, und ich glaube, dem Herrn am besten zu dienen, wenn ich seinen
Willen erfülle und mein unterdrücktes Volk von den Sklavenketten
befreie. Das ist mein Evangelium.“
(Joseph Goebbels, Tagebucheintrag 23.7.1926)
„Der Bauer soll wissen, was ihm die Kirche zerstört hat. Das ganze,
geheimnisvolle Wissen um die Natur, das Göttliche, das Gestaltlose, das
Dämonische. Sie sollen die Kirche von da aus hassen lernen...vom
Bauerntum her werden wir das Christentum wirklich zerstören können, weil
dahinter die Kraft eines echten Glaubens steckt, der in der Natur und im
Blute wurzelt.“ (Hitler zu Hermann Rauschning, der auch „Bauernführer im
Reichsnährstand“ war)
„Wir leben in einem Zeitalter der endgültigen Auseinandersetzung mit dem
Christentum. Es liegt in der Sendung der Schutzstaffel, dem deutschen
Volk im nächsten Jahrhundert die außerchristlichen arteigenen
weltanschaulichen Grundlagen für Lebensführung und Lebensgestaltung zu
geben.“ (Himmler in einer Rede am 16.2.1942)
„Die Zeitwende des Untergangs der Kirche ist gekommen.“ (Hitler am
11.11.1940)
„Ich bin nicht der Meinung, dass etwas bleiben muss, was einmal
war...Die Einsicht zeigt mir, dass die Herrschaft der Lüge gebrochen
werden will...Ich schrecke vor dem Kampf nicht zurück, den ich, wenn es
darauf ankommt, auszufechten habe, und werde sofort handeln, falls die
Prüfung ergibt, dass es geschehen kann.“ (Hitler zum Thema Christentum
am 25.1.1942)
„Judengeschmeiß und Priestergeschwätz...ein einziger großer
Blödsinn...eine unendlich schlaue Mischung von Heuchelei und Geschäft
unter Ausnutzung der menschlichen Anklammerung an die überkommene
Gewohnheit...ein gebildeter Geistlicher [könne] doch unmöglich den
Unsinn glauben, den die Kirche verzapfe.“ (Hitler am 9.4.1941)
„Das Christentum ist das Tollste, das je ein Menschenhirn in seinem Wahn
hervorgebracht hat, eine Verhöhnung von allem Göttlichen. Ein Neger mit
seinem Fetisch ist ja einem, der an das Wunder der Wandlung ernstlich
glaubt,
turmhoch überlegen.“ (Hitler am 13.12.1941)
„Der größte Volksschaden sind unser Pfarrer beider Konfessionen. Ich
kann ihnen jetzt die Antwort nicht geben, aber es kommt alles in mein
großes Notizbuch. Es wird der Augenblick kommen, da ich mit ihnen
abrechne ohne langes Federlesen. Ich werde über juristische Zwirnsfäden
in solchen Zeiten nicht stolpern. Da entscheiden nur
Zweckmäßigkeitsvorstellungen. Ich bin überzeugt, in zehn Jahren wird das
ganz anders aussehen. Denn um die grundsätzliche Lage kommen wir nicht
herum...Jedes Jahrhundert, das sich mit dieser Kulturschande weiterhin
belastet, wird von der Zukunft gar nicht mehr verstanden werden. Wie der
Hexenwahn beseitigt werden musste, so muss auch dieser Rest beseitigt
werden. Dazu ist aber ein gewisses Fundament notwendig.“ (Hitler am
8.2.1942)
„Aber diesen Kampf in der deutschen Geschichte werde ich endgültig
einmal für immer zum Austrag bringen. Das mag manchen schmerzen, aber
ich werde die Pfaffen die Staatsgewalt spüren lassen, dass sie nur so
staunen. Würde ich glauben, dass sie gefährlich werden, würde ich sie
zusammenschießen. Dieses Reptil erhebt sich immer wieder, wenn die
Staatsgewalt schwach ist. Deshalb muss man es zertreten.“ (Hitler am
11.8.1942)
„Nationalsozialistische und christliche Auffassungen sind
unvereinbar...Immer mehr muss das Volk den Kirchen und ihren Organen,
den Pfarrern, entbunden werden...Niemals aber darf den Kirchen wieder
ein Einfluss auf die Volksführung eingeräumt werden. Dieser muss restlos
und endgültig gebrochen [und] beseitigt werden...Erst dann sind Volk und
Reich für alle Zukunft in ihrem Bestande gesichert.“ (Martin Bormann in
einem Geheim-Rundschreiben an die Gauleiter und Reichsstatthalter,
6.6.1941)
„Scharf gegen die Kirchen. Wir werden selbst eine Kirche werden.“
(Joseph Goebbels, Tagebucheintrag 7.8.1933)
„[Hitler] weiß, dass er um einen Kampf zwischen Staat und Kirche nicht
herumkommen kann.“ (Joseph Goebbels, Tagebucheintrag 28.12.1939)
„Wir müssen die Kirchen beugen und sie uns zu Dienern machen. Das
Zölibat muss auch fallen. Die Kirchenvermögen eingezogen werden, kein
Mann vor dem 24.Lebensjahr Theologie studieren. Dann nehmen wir ihnen
den besten Nachwuchs. Die Orden müssen aufgelöst, den Kirchen die
Erziehungsberechtigung genommen werden. Nur so kriegen wir sie in
einigen Jahrzehnten klein.“ (zit. bei Johann Neuhäußler, Kreuz und
Hakenkreuz, München 1946)
„Wir, die wir jetzt leben, müssen noch restlos die Kirche vernichten,
Adolf Hitler und seine alten Kämpfer. Man sage nicht, es genüge, dass
die Jugend Deutschlands ohne Kirche aufwächst. Hitlers Nachfolger könnte
milder sein, könnte Mitleid haben, dann würde die Eiterbeule wieder
aufplatzen. Der Nazismus verhält sich zu den christlichen Konfessionen
wie Feuer zu Wasser.“ (Der Kreisleiter von München-Ramersdorf, 1941)
Ist man sich der Dramatik obenstehender Zitate bewusst, so ist es wohl
verständlich, dass die öffentlichen Proteste, wie sie von Seiten Hans
Meisers u.a. noch in den Anfängen der NS-Herrschaft geschahen, nach und
nach verstummten und immer mehr im Geheimen bzw. im persönlichen
Vorstelligwerden bei den Behörden geschahen. Hinzukommt eine deutliche
Warnung Hitlers: Einige Monate bevor die Synagogen brannten, ließ er in
München am 15.6.1938 die Mutterkirche der evangelischen Gemeinde,
St.Matthäus, die eben erst renoviert worden war, abreißen. Die
erzwungene – und eben keineswegs freiwillige – Anpassung Meisers an das
Regime wird auch dann erklärlich, wenn man über die Maßnahmen des
Staates gegen die Evang.-luth.Landeskirche in Bayern Bescheid weiß. Im
Einzelnen handelte es ich bei den 2306 Strafmaßnahmen, die der Staat
gegen bayerische Pfarrer verhängte, um: Vorladung, Verhör, Verwarnung,
Hausdurchsuchung, Beschlagnahme kirchlicher Druckerzeugnisse,
Redeverbot, Aufenthaltsbeschränkung, Polizeihaft,
staatsanwaltschaftliche Vernehmung, gerichtliches Verfahren,
Untersuchungshaft, Strafbefehl, Geldstrafe, Gefängnisstrafe, Entziehung
des Religionsunterrichts, Auflösung kirchlicher Organisationen,
Übergriffe in das gottesdienstliche Leben, Einstellung kirchlicher
Zeitschriften, Untersagung von Bibelwochen, Beseitigung der Kruzifixe in
den Schulzimmern, Vorladung vor den Kreisleiter, Beanstandung durch
Dienstsstellen der Partei, Parteigericht, Beanstandung durch die
Reichspressekammer oder Ausschluss aus ihr. Ferner kam es zum Verbot von
Bibelsunden oder anderen kirchlichen Versammlungen, Angriffen mit
Beschimpfungen und Bedrohungen durch die Presse. Eine weitere staatliche
Zwangsmaßnahme war auch die Überführung der Evangelischen Jugend in die
Hitler-Jugend, das Verbot der Verbreitung der Bibel und des Vertriebes
religiöser Schriften, das erzwungene Glockenläuten bei deutsche Siegen,
der erzwungene Hitlergruß der Pfarrer beim Religionsunterricht Zu den
staatlichen Schikanen gehörte auch das Aussetzen evangelischer
Morgenfeiern und Andachten im Rundfunk. Während des Krieges hatte auf
Veranlassung des Reichspropagandaministeriums jede Verbindung der
Heimatgeistlichen mit den Soldaten im Feld zu unterbleiben. In der
Schule war das gemeinsame Gebet zu unterlassen, kirchlicher
Bilderschmuck zu entfernen. Der Grunderwerb für kirchliche Zwecke wurde
verboten. Für Studenten der Theologie gab es keinen Hörgeld-Erlass und
keine Hörgeld-Ermäßigung. Bei Gedächtnisfeiern für gefallenen Studenten
wurden Theologiestudenten nicht genannt. Geistliche sollten vom Roten
Kreuz ausgeschlossen werden. Vereinzelt kam es auch zu Überfällen auf
evangelische Pfarrhäuser.
Aufgrund all dieser Maßnahmen wusste Meiser, dass öffentlicher Protest
nur zu weiteren Schikanen seitens des Staates führen würde. Deshalb
entschied er sich für den stillen Widerstand und versuchte auch
diejenigen mäßigen, die die öffentliche Auseinandersetzung mit dem
Regime suchten, wie etwa Pfarrer Karl Steinbauer. Es ging ihm nicht nur
um die Rettung der Kirche an sich, sondern auch um die Verteidigung des
Christentums und des lutherischen Bekenntnisses.
Die Haltung Hans Meisers „Zwischen Opposition und erzwungener Anpassung“
ist oft angegriffen worden. Doch schon bei der ersten bayerischen Synode
nach dem Krieg, im Juli 1946, sagte er dazu:
„Ich möchte der letzte sein, der hier Dinge zu beschönigen versucht, an
denen man wohl sein Leben lang als an schweren bitteren Wunden trägt.
Aber es ist die Frage, ob es wirklich unsere Pflicht ist, diese Wunden,
die wir mit uns tragen aus der Zeit des Kampfes, nach außen hin immer
wieder aufzubinden. Mir geht immer ein Wort des großen Theologen
Bachmann nach: ‚Die rechte Buße ist ein neues Leben’. Man kann Buße tun
nicht bloß durch Schuldbekenntnisse – die können recht zweckbestimmt
sein; die Echtheit der Buße erweist sich darin, dass man die Fehler,
soweit Gott Gnade gibt, in Zukunft vermeidet. Eines möchte ich ablehnen,
mich ständig zur Buße rufen zu lassen von Leuten, die außer jeder
Verantwortung stehen. Das sieht man auch im Ausland ein, dass der
ständige Bußruf K.Barths nicht stimmen kann. „Wir im Ausland sollten das
Wort Calvins nicht vergessen: ‚Ihr standet im Kampf und wir im
Schatten’.“
Es ist etwas anderes in der Kampfessituation gestanden zu sein oder von
außen her die Dinge mit billigen Urteilen zu begleiten. Dafür kann ich
mich und unsere Kirchenleitung nicht entschuldigen, dass wir nicht alle
im KZ waren. Vielleicht waren wir zu zaghaft, unsere Gegner
herauszufordern, vielleicht lag es aber auch daran, dass unsere
Gemeinden uns geschützt haben, dass nach dem Erleben des Kirchenkampfes
und dem Aufstand der Gemeinden die maßgeblichen Stellen sich sehr
gehütet haben, einen ähnlichen Aufstand der Gemeinden zu provozieren
[gemeint ist die Tatsache, dass Landesbischof Meiser 1934 nach seiner
Freiheitsberaubung durch den Reichsbischof Müller gerade von den
fränkischen Gemeinden unglaubliche Unterstützung erfuhr. Bis zu 1000
Menschen fuhren mit Sonderzügen nach München, um für seine Freilassung
zu demonstrieren – die Verf.]. Nachträglich rühmt sich der
Polizeipräsident von Nürnberg, dass ich und Pfarrer von Mittelfranken es
ihm zu verdanken hätten, dass wir nicht ins KZ kamen. Es kam also auch
auf das Gegenüber und dessen Gesinnung an. Aber dafür kann ich mich
nicht entschuldigen...
Hier wäre viel zu sagen, um zu einer gerechten Beurteilung der Haltung
der Kirchenleitung zu kommen. Ich wehre mich gegen ein
Generalverdammungsurteil. Hier wird heute das letzte Urteil noch nicht
gesprochen sein. Aber ein anderes sei grundsätzlich gesagt: Durch manche
Äußerungen klingt es so, dass wir deswegen unsere Aufgabe versäumt
hätten, weil unser Widerstand nicht zugleich in eine politische
Widerstandsbewegung einmündete, weil wir uns nicht am Tyrannenmord
beteiligt haben: ‚Jetzt, jetzt gehören Christen auf die Barrikaden!’
Ob nicht die Salzburger Emigranten dem Geist des Evangeliums näher
stehen als die französischen Hugenotten? Und ob nicht die Evangelischen
in Österreich, die in der Zeit des Geheimprotestantismus durch 180 Jahre
das Evangelium allen Widerständen zum Trotz hindurchgerettet haben, mehr
Salz und Kraft für die christliche Kirche in Europa geworden sind als
die, die entgegen der Weisung des Herrn das Evangelium auf des Schwertes
Spitze gestellt haben? Lassen Sie sich nicht das Urteil dadurch
verwirren, ob die Vertreter der Kirche in der politischen
Widerstandsbewegung führend waren oder nicht! Die lutherische Ethik wird
dazu wohl noch einmal Stellung nehmen.“
Was Opposition in einer Diktatur bedeutet, hat Bischof Meiser selbst
erleben müssen, als er nach der NS-Hetzkampagne gegen ihn (September
1934: „Fort mit Landesbischof Meiser!“) vom 12.-26.10.1934 in seiner
Wohnung von der Gestapo festgesetzt, unter Hausarrest gestellt und Tag
und Nacht von Polizisten überwacht wurde. Das ihm vorgelegte
Abdankungsschreiben zu unterzeichnen, weigerte er sich und die 1400
evangelischen bayerischen Pfarrer ließ er wissen: „Bin ich auch meiner
Freiheit beraubt, so bin ich doch nicht meiner Entschlossenheit und
Zuversicht beraubt.“ Mit dieser Entschlossenheit und Zuversicht gelang
es ihm schließlich, gerade durch die Oppositionshaltung und trotz der
erzwungenen Anpassung, die bayerische Landeskirche über die dunkelste
Zeit ihrer Geschichte hinweg zu retten. |