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WESEN UND WIRKEN Die Beziehung zwischen Meiser und Prof. Dr. Wolfgang (Wolf) Meyer-Erlach 1.) Vorgaben In den Jahren des Kirchenkampfes tritt Hans Meiser
eine weitere markante Gestalt gegenüber: Prof. Dr. Wolfgang (Wolf)
Meyer, der sich auch Meyer-Erlach nannte. Der im I. Weltkrieg während
der Schlacht bei Arras 1915 verschüttete und schwer verwundete angehende
Pfarrer litt wie viele andere Deutsche unter der Niederlage des
deutschen Heeres 1918 und der Demütigung, die dem deutschen Volk durch
den Vertrag von Versailles 1919 zugefügt wurde. Seine Veröffentlichungen
und Reden weisen ihn schon früh als begeisterungsfähigen, intelligenten
und eloquenten Pfarrer aus, der sich auch als Freikorpskämpfer
betätigte. Er verfasste unter dem Titel "Das deutsche Leid" eine
Tragödie über den Kampf im Ruhrgebiet und später die Schriftenreihe
"Nordische Seher und Helden". Gleichzeitig lebte er sich intensiv in das
Luthertum der bayerischen Landeskirche ein. Die Kombination von
Patriotismus und christlich-konfessionell geprägter Überzeugung war
damals bei vielen Pfarrern und ihren Familien vorhanden: Auch sie waren
Kinder ihrer Zeit und Glieder einer Generation, die einen Höhepunkt
deutscher Machtentfaltung in Politik, Technik und Wirtschaft während des
Zweiten Reiches und die dadurch bedingte nationale Begeisterung erlebt
hatte. Umso schwerer trafen sie das Ende des I. Weltkrieges und die
Wirren der Nachkriegszeit. Die Behandlung des deutschen Volkes durch die
damaligen Siegermächte provozierte je länger desto heftiger eine
Protesthaltung vieler Deutscher. So ist es leicht erklärlich, dass die
"völkische" Idee des Nationalsozialismus unter Hitlers Führung,
verbunden mit einem schon länger schwelenden Antisemitismus in den
Herzen vieler Deutscher Eingang fand. Hand in Hand damit entstand durch
die im Russischen Reich 1917 ff. durch die Bolschewisten auch an den
Gliedern der christlichen Kirchen verübten Gräueltaten ein tiefer
Abscheu gegen den Marxismus, in dem Patrioten und entschiedene
Angehörige der christlichen Kirchen jedenfalls zeitweise
übereinstimmten. Noch zu Anfang des "Dritten Reiches" war diese Synthese
ernst gemeint. Die so beschriebene Ausgangslage führte vor 1933, aber auch noch in der ersten Zeit nach der Machtergreifung Hitlers zu freundlichen Beziehungen zwischen den beiden Männern. Meyer hatte als Pfarrer von Würzburg-Heidingsfeld in seiner Tätigkeit zwei Schwerpunkte: die Volksmission und die Sozialarbeit. Beides lag auch Meiser, dem früheren (ersten) Landespfarrer der Inneren Mission in Bayern, sehr am Herzen. Dass Meyer mit Predigten und Andachten auch in die Rundfunkarbeit einstieg, war damals noch etwas Besonderes, da die Verkündigung durch technische Mittel für die Kirche Neuland war. Als Zeichen der Verbundenheit mit Meiser widmete Meyer ihm das 2. Bändchen seiner Rundfunkpredigten. Meiser dankte ihm am 24.5.1932 mit den Worten: "Ich schätze an Ihren Ansprachen, dass sie die zentralen Gedanken unseres evangelischen Glaubens so ohne Abstrich und zugleich in einer auch den modernen Menschen packenden Sprache darbieten und habe deshalb gerne meinen Namen für die 2. Reihe zur Verfügung gestellt. Dabei ist es mir nicht um meine Person zu tun, sondern darum, zu erkennen zu geben, dass sich auch die Kirchenleitung zu ihrem Dienst bekennt und für die neue Art das Evangelium zu verkünden mit Bewusstsein eintritt." Als es 1933 um die Nachfolge des Kirchenpräsidenten Friedrich Veit ging, dessen Rücktritt neben anderen auch Meyer forderte, und dafür neben Meiser auch der Erlanger Theologieprofessor Paul Althaus und der Hamburger Hauptpastor Simon Schöffel in Aussicht genommen wurden, setzte sich Meyer als Mitglied der NSDAP bei dem bayerischen Kultusminister Schemm dafür ein, das Meiser im Falle seiner Wahl auch von staatlicher Seite akzeptiert würde. Schemm antwortete ihm am 3.5.: "Das Bayer. Staatsministerium für Unterricht und Kultus setzt sich für Meiser ein und hat die Überzeugung, dass es gelingen wird, Ihren Wunsch zu erfüllen." 3.) Paradoxien im Kirchenkampf Die Schilderung der "Vorgaben" im ersten Abschnitt
zeigt zugleich die Problematik auf, die in der Kombination von bewusstem
Christentum und virulentem Patriotismus für die Deutschen vor und nach
1933 lag. Es ging dabei latent und bald auch sehr offen um die Frage,
welcher der beiden Faktoren sich als dominant erweisen würde. Der
politische Aspekt gewann bei Meyer schon bald nach Kriegsende das
Übergewicht. Er stand zwar auf dem Boden der Hl. Schrift und des
lutherischen Bekenntnisses, predigte aber schon seit 1923 "ewigen Hass
zwischen Deutschen und Franzosen" (Baier, "Die Deutschen Christen..." S.
57). Noch vor 1933 hatte er sich der "Glaubensbewegung Deutsche
Christen" angeschlossen, deren Leiter er 1933 in Mittel- und
Unterfranken, später auch für ganz Bayern wurde. Er war vom
Nationalsozialismus besessen, was bei ihm exzessiv zur Verstrickung von
geistlichem Auftrag und politischem Sendungsbewusstsein führte. Nach dem Ende des II. Weltkrieges war Meyer seiner
Professur in Jena entbunden worden. Wieder trat ein Wechsel der
Gesinnung bei ihm ein. Er besann sich seiner theologischen Fundamente
und versah ab 1951 noch zehn Jahre eine Pfarrstelle in Wörsdorf/Taunus.
Auch mit Meiser kam er wieder in Kontakt. Er berichtete dem Bischof über
seine Tätigkeit in Wörsdorf, wozu sich dieser anerkennend äußerte. Rache
lag Meiser fern. Man hat ihm sogar verdacht, dass er ehemalige
deutsch-christliche Pfarrer in den Dienst der bayerischen Landeskirche
aufgenommen hat, wie z.B. Siegfried Leffler, der als Pfarrer aus dem
bayerischen Kirchendienst 1927 freiwillig ausgeschieden und später
Mitbegründer und Reichsleiter der Thüringer Deutschen Christen geworden
war. Seit 1949 war er Amtsaushilfe in Bayern und von 1959 - 1970 Pfarrer
in Hengersberg. So sah Meisers "Vergangenheitsbewältigung" in
neutestamentlichem Sinn aus. Am 5.7.1955 schrieb er an Meyer: "Seien Sie
überzeugt, dass es mir, zumal jetzt in meinem Ruhestand, ferner denn je
liegt, nachträglich mit Ihnen über das Vergangene zu rechten. Sie haben
sich ja nicht gescheut, Ihren Irrtum und das Unrecht, das Sie begangen
haben, ganz offen zu bekennen, offener als mancher andere, der dazu
mindestens den gleichen Anlass gehabt hätte. Ich durfte Ihnen daraufhin
dann ohne Vorbehalt von der Vergebung sprechen. Dieses Wort war von mir
nie anders als ein vollgültiges Wort gemeint und soll es bleiben,
solange ich lebe. Ich kann mich ja nur von Herzen darüber freuen, dass
Sie so bewusst zu dem Wege der Lutherischen Kirche zurückgefunden haben
und in dem theologischen und kirchlichen Wirrwarr unserer Tage so klar
sehen." (Nachlass bei Familie Meiser) |