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WESEN UND WIRKEN

Meiser und die Euthanasie im 'Dritten Reich'

Am 11.10.2000 hielt das Evangelische Bildungswerk Bayreuth eine Gedenkveranstaltung für die Opfer der Euthanasiemaßnahmen im "Dritten Reich" ab. Der ehemalige Präsident der evangelischen Landessynode in Bayern, Bundesminister a.D. Dr. Dieter Haack, bedauerte in seinem Grußwort zu dieser Veranstaltung, dass es in Bayern nicht zu einem "öffentlichen Protest" gekommen sei und warf Meiser vor, "seiner Verantwortung nicht gerecht" geworden zu sein und "in seinem kirchenleitenden Amt" versagt zu haben. 1941 habe dagegen der Münsteraner Bischof Graf Galen öffentlich protestiert; dies habe dazu geführt, dass Hitler die Euthanasieaktionen offiziell gestoppt habe, wenn sie auch inoffiziell fortgesetzt worden seien.

Dieser Angriff auf Meiser stieß bei mehreren Zeitzeugen auf lebhaften Widerspruch. In der Tat war es so, dass der Bischof schon am 23.2.1940 bei Reichsstatthalter von Epp in München vorstellig geworden war. Nach Gesprächszeugen hat er "in sichtlicher Erregung" auf die Ermordung Geisteskranker hingewiesen. Epp versicherte, dass er zum ersten Mal von diesen Dingen erfahren habe und leitete sofort eine Untersuchung ein, die allerdings erfolglos blieb, da die betreffende Anordnung aus der Kanzlei Hitlers gekommen sei. Hitler hatte in einem Geheimbefehl die Euthanasiemaßnahmen befohlen.

Als der Schwabacher Dekan Christian Stoll am 21.12.1940 dem Landesbischof von einigen ihm bekannt gewordenen Tötungen Behinderter berichtete, antwortete Meiser ihm am 30.12.1940: "Was Sie mir in Ihrem Schreiben vom 21.12. berichten, ist nur ein Beleg mehr für die außerordentlich ernsten Vorgänge, die sich gegenwärtig auf dem von Ihnen erwähnten Gebiet abspielen. Die Angelegenheit hat uns im Landeskirchenrat und in der Kirchenführerkonferenz schon oft und ausgiebig beschäftigt. Es darf mit gutem Gewissen gesagt werden, dass geschehen ist, was geschehen konnte, um die Stimme der Kirche in dieser Sache nachdrücklich zu Gehör zu bringen. Leider blieb all unseren Bemühungen der sichtbare Erfolg bisher versagt." (Müller/Siemen, S. 110)

Führend im Widerstand gegen die Tötungsaktion des NS-Regimes war der Leiter der Anstalten in Bethel, Sarepta und Nazareth, Pastor Friedrich von Bodelschwingh. Als Nazifunktionäre 1940 in Bethel die Kranken zur Ermordung abholen wollten, sagte er: "Nur über meine Leiche", und so wurden aus Bethel keine Kranken deportiert und ermordet. Bodelschwinghs Verhandlungen mit den Verantwortlichen der Euthanasiemaßnahmen, die im Stillen geschahen, ist es zu verdanken, dass Hitler am 24.8.1941 die Mordaktion stoppte.

Warum kam aus der bayerischen Kirche kein Protest mehr? Bodelschwingh hatte den Leitern anderer Pflegeanstalten geraten, von einer provozierenden Protestaktion abzusehen, da diese nur die Wirkung habe, dass die Leitung durch vorübergehende Verhaftung ausgeschaltet würde und die beauftragte Kommission nach eigenem Belieben in der Anstalt aufs Brutalste vorgehen könne. An Pastor Wilm in Mennighüffen schrieb er am 18.10.1940: "Tut Ihr jetzt in den Gemeinden nichts in dieser Sache. Ihr gefährdet unsere Verhandlungen und Ihr gefährdet damit das Leben unserer Kranken." Wilm hielt sich nicht daran und wurde verhaftet. (aus: Karl Fuchs, Friedrich (genannt Fritz) von Bodelschwingh - Retter oder Mitschuldiger im Behindertenmord?, nicht veröffentlicht. Pfarrer i.R. Karl Fuchs war viele Jahre Abteilungsdirektor für Behindertenhilfe im Diakoniewerk Neuendettelsau).

Meiser setzte sich 1941 durch Verhandlungen im Reichsministerium des Inneren und im Auswärtigen Amt erfolgreich für die Erhaltung der Diakonissenanstalt Neuendettelsau ein, die sich schon am 26. Juli 1933 "unter die Obhut des Landesbischofs" (Müller/Siemen, a.a.O. S. 12) begeben hatte, ohne dass dieser jedoch den Abtransport und die damit verbundene Ermordung von 1238 Pfleglingen verhindern konnte.
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In einer Zuschrift an das Evangelische Sonntagsblatt aus Bayern - Nr. 50 vom 10.12.2000 - stellt Pfarrer Fuchs fest:

"Der Präsident der Landessynode Dieter Haack sagt: ‚Mir geht es um eine ehrliche, selbstkritische und damit glaubwürdige innerkirchliche Aufarbeitung der Geschichte.' Dem kann man nur zustimmen. Daran sind aber auch seine eigenen Worte zu messen. Bei der Bayreuther Veranstaltung hat er öffentlich dem verstorbenen Landesbischof Hans Meiser im Blick auf die Behindertenmorde der Hitler-Zeit Versagen im Kirchenleitungsamt vorgeworfen und geurteilt, er sei seiner Verantwortung nicht gerecht geworden. Offensichtlich war Haack über die Sachlage schlecht informiert.

Seit 16 Jahren bemühe ich mich im Blick auf die Neuendettelsauer Anstalten um Klärung des schrecklichen Geschehens. Dabei vergeht mir richtendes Urteilen, vielmehr kommen immer neue, nicht zu klärende Fragen auf. Die Verantwortlichen können nicht mehr antworten. Bestimmt hätten sie viel zu sagen. So kann ich ehrlicherweise keine endgültigen Aussagen machen. Wir trauern um 439 Ermordete und gehen weiter dem Geschehen und den Hintergründen nach. Einer der hier Verantwortlichen sagte mir, schon dem Tode nahe: ‚Ich weiß um meine große Schuld; aber ich kann Dir nicht sagen, was ich anders hätte machen können.' Das sollten wir alle respektieren.

Eine Bitte hätte ich 82-Jähriger an die Jüngeren: Macht uns die Mitarbeit an der Erhellung des finsteren Geschehens nicht so schwer durch vorschnelles, oberflächliches Richten. Nicht um Schönfärberei oder Vertuschen geht es uns, aber um Achtung vor den Brüdern, die in böser Zeit verantwortlich handelten und dennoch schuldig geworden sind."

Ein weiterer Leserbrief, dieses Mal von Pfarrer i.R. Hans Martin Gloél, findet sich im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern, Nr. 51 vom 17.12.2000:

"Kein Recht Martyrium zu verlangen. Mit Entschiedenheit muss der Vorwurf des Präsidenten der Landessynode Dr. Dieter Haack zurückgewiesen werden, den er dem früheren Landesbischof Hans Meiser im Interview, Sonntagsblatt-Nummer 47, erneut macht, weil er nicht so lautstark gegen die Euthanasie im 3. Reich protestiert hat wie Graf Galen in einer Predigt. Dazu muss leider festgestellt werden, dass Galen mit seinem Protest nichts erreicht hat. Die Nationalsozialisten haben aber erreicht, dass er in Zukunft schwieg.

Pfarrer Paul Schneider wurde wegen seiner Haltung gegen das NS-Regime aus seiner Gemeinde ausgewiesen. Er hat diese Vertreibung nicht akzeptiert. Sein Protest hat ihn ins KZ gebracht, in dem er nach schweren Quälereien starb. Schneider hat das Martyrium ganz bewusst auf sich genommen. Er hätte ihm entgehen können. Die Bereitschaft zum Martyrium ist ein großes Gnadengeschenk, das man aber niemals von einem Menschen verlangen kann. Es ist höchst unfair, arrogant und anmaßend, einem Menschen (Hans Meiser) Vorwürfe zu machen, weil er sich nicht so verhalten hat, dass er zum Märtyrer wurde. Haack weiß auch gar nicht, was Meiser alles zum Schutz von Juden, Geisteskranken und schwer verwundeten Soldaten unternommen hat. In der NSDAP gab es nicht nur hitlerhörige Mitglieder, sondern auch sehr tapfere Männer und Frauen, die dem Unrecht erbitterten Widerstand entgegengesetzt haben. Ihre Haltung hätte wohl am ersten das Unrecht stoppen können. Meiser hoffte es und bestärkte sie. Doch sie wurden als Abweichler heimlich beseitigt. Meiser hat als Landesbischof tapfer gekämpft so wie ein Offizier, dessen Truppe trotz großer Tapferkeit und hohen Verlusten die Schlacht verloren hat. Der Vorwurf von Haack: ‚Man muss auch gewisse Risiken in Kauf nehmen. Nach meiner Auffassung ist das nicht geschehen', wird auch nicht wahr, wenn er noch öfter wiederholt wird. Leider gab es weder gegen Hitler noch gegen Stalin eine Chance. Aber gegen das himmelschreiende Unrecht der Abtreibung, gegen den 25-jährigen Krieg gegen die Ungeborenen könnte Herr Haack protestieren, ohne dass ihm auch nur ein Haar gekrümmt würde. Er hat aber mit der Mehrheit der Synodalen der Bayerischen Landeskirche für die Rosenheimer Erklärung gestimmt. Nicht Meiser sind Vorwürfe zu machen, sondern ihm, dass er sich nicht für den Schutz des ungeborenen Lebens entschieden einsetzt. Als Präsident der Landessynode hätte er da große Möglichkeiten. Es droht ihm kein Martyrium, das damals sehr oft die Folge für ein kritisches Wort war."