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WESEN UND WIRKEN
Fazit
Meisers Haltung der "Allergetreuesten Opposition"
bzw. seine "Mit dem Feind - Gegen den Feind - Politik" ist vor allem
dann richtig zu verstehen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass im
NS-Staat - entgegen allen ursprünglichen Versprechungen - die Kirche
immer mehr aus dem öffentlichen Leben verdrängt werden sollte, mit dem
Ziel der völligen Auslöschung. Am 8. Juli 1940 stellte dies der
Gauleiter der bayerischen Ostmark, Wächtler, mit folgenden Worten in
Aussicht:
"Nach dem Siege über England wird im Reiche eine große Neuordnung
einsetzen. Es wird gründlich aufgeräumt werden. Die Kirche in ihrer
jetzigen Form muss verschwinden. Es gibt dann nur noch eine Kirche, und
zwar die Nationalkirche. Wer sich dieser nicht anschließt, für den ist
schon ein Platz bereit. Heute können wir die geplanten Maßnahmen
gegenüber der Kirche nicht durchführen, denn wir brauchen die Kirche
noch."
Und der Kreisleiter von München-Ramersdorf führte 1941 aus: "Zur
restlosen Vernichtung der Kirche: Wir, die wir jetzt leben, müssen noch
restlos die Kirche vernichten, Adolf Hitler und seine alten Kämpfer. Man
sage nicht, es genüge, dass die Jugend Deutschlands ohne Kirche
aufwächst. Hitlers Nachfolger könnte milder sein, könnte Mitleid haben,
dann würde die Eiterbeule wieder aufplatzen. Der Nazismus verhält sich
zu den christlichen Konfessionen wie Feuer zu Wasser."
Am 6. Juni 1941 kam es zu einem Geheimerlass Martin Bormanns über die
Unvereinbarkeit von Christentum und Nationalsozialismus. Demnach sollte
das Christentum nach dem Kriege restlos vernichtet werden.
Man kann davon ausgehen, dass Landesbischof Meiser diese staatlichen
Überlegungen und Pläne bekannt waren. Dennoch wagte er es zu
protestieren, wenngleich aus den dargestellten Gründen eben nicht
lautstark. Er verwehrte sich zudem - dies ist bekannt und belegt -
wiederholt gegen Euthanasie und Deportation. Immer wieder versuchte er,
im KZ Dachau eine geistliche Betreuung der dort Inhaftierten zu
erreichen - vergeblich. So verwandte er sich zum Beispiel bei Himmler
für Martin Niemöller, allerdings ohne Erfolg; der Staat verwehrte ihm
jede Einmischung. Man kann sich vorstellen, was dies bei Meiser
auslöste: Wenn er schon den eigenen Glaubensgefährten kaum helfen
konnte, wie dann den anderen Häftlingen? Das Schicksal Pfarrer Karl
Steinbauers, der im Januar 1939 verhaftet wurde und später ins KZ
Sachsenhausen kam, aus dem er im Dezember desselben Jahres überraschend
unter der Auflage freigelassen wurde, nichts von dem, was er im KZ
gesehen und erlebt hatte, preiszugeben und sich kirchenpolitisch nicht
mehr zu betätigen, bestätigt geradezu die Politik von Hans Meiser.
Am 7. Mai 1941 wurde der Landesbischof wegen eines Hirtenbriefes an die
bayerischen Geistlichen im Felde von der Geheimen Staatspolizei verhört.
Im Juni versandten er und Landesbischof Wurm eine Gegenerklärung wegen
des Ergebenheitstelegramms des Geistlichen Vertrauensrates an Hitler
anlässlich des Überfalls auf die Sowjetunion. Dieser Rat war 1939
gegründet worden und bestand aus den Landesbischöfen Marahrens
(Hannover), Schulz (Schwerin) und dem Oberkonsistorialrat Hymmen
(Berlin). Im Kriegsfall sollte er als Sprachrohr der Kirche dienen. Von
diesem Rat stammt auch der Text der im ersten Kapitel erwähnten
Kanzelabkündigung zum Polenfeldzug. Sie trägt zwar Meisers maschinen
geschriebene Unterschrift, war aber nicht von ihm verfasst worden. Zudem
traf sie nicht überall rechtzeitig ein, so dass sie in Bayern gar nicht
zur Verlesung kam. Mit dem Geistlichen Vertrauensrat, so urteilt Helmut
Baier, wollte die bayerische Landeskirche ohnedies so wenig wie möglich
zu tun haben.
Ein weiteres Zeugnis der Spannungen zwischen Meiser und dem NS-Staat
liefert Baier in "Kirche in Not", wenn er berichtet, dass für den
verstorbenen Reichsminister Kerrl ein Staatsbegräbnis angeordnet worden
war (1941). "Der Trauerakt fand in der Neuen Reichskanzlei statt, wo
sich die Prominenz versammeln durfte. Die Kirchenführer erhielten von
der Kirchenkanzlei die Mitteilung, sich zum Begräbnis auf dem
Waldfriedhof Dahlem einzufinden, und zugleich die Weisung, am
vorhergehenden Staatsakt nur nach Einladung durch das
Reichspropagandaministerium teilzunehmen. Meiser brauchte nicht zu
erscheinen, er war persona non grata." Weiter ist darauf hinzuweisen,
dass Meiser die Worte "Führer" oder "Partei" u.ä. in seinen Predigten
und Verlautbarungen so weit wie möglich sorgfältig vermied.
Immer wieder legte er bei den staatlichen Stellen Protest ein (etwa am
26.5.1943 beim Reichsinnenministerium gegen das Verbot von
Himmelfahrtsgottesdiensten). Meiser hatte seine halbwegs noch intakte
Kirche eben gegen diesen Staat zu verteidigen. Claus-Jürgen Roepke fasst
dies in "Die Protestanten in Bayern" mit folgenden Worten zusammen:
"Seiner Meinung nach konnte eine geschlossene Kirche dem Hitlerregime
auf Dauer gesehen gefährlicher werden und im Krieg ihren Dienst in der
Bevölkerung besser ausrichten, als die in der Illegalität operierenden
und die Gemeinen überfordernden Bekenntnispfarrer in den zerstörten
Landeskirchen. Das war keineswegs eine Erkenntnis des Glaubens, sondern
das Ergebnis taktischer Überlegungen."
Wie also hätte sich Meiser mit den Zielen der NS-Regierung
identifizieren können, wo doch seine Kirche und er selbst von ihr
bedroht waren? Sein Gewissen scheint vor allem von drei Faktoren geprägt
gewesen zu sein:
● von
den offenbarten Glaubenswahrheiten der Heiligen Schrift und ihren
Interpretationen in den lutherischen Bekenntnisschriften;
● von
dem in beiden Fundamenten dargelegten Verständnis der "Obrigkeit" (=
Staat);
● von
seinem Auftrag als Bischof, oberster Hirte einer ganzen Landeskirche zu
sein.
Gerade das Festhalten an Schrift und Bekenntnis
machte ihm in den Zeiten der zunehmenden Gottwidrigkeit des NS-Regimes
die Loyalität gegenüber dem Staat besonders schwer. Dies auch darum,
weil Hitler in seinem Buch "Mein Kampf" auf S. 379 erklärt hatte: "Die
NS-Bewegung sieht in beiden religiösen Bekenntnissen gleich wertvolle
Stützen für den Bestand unseres Volkes."
Als die Praxis des NS-Staates dann das Gegenteil bewies, wurde für
Meiser die Wahrnehmung seines bischöflichen Amtes und Auftrags zur
Gratwanderung zwischen dem Eintreten für die Geltung des christlichen
Glaubens und der der Obrigkeit geschuldeten Loyalität. Der Kampfplatz
für diesen inneren Spagat war sein Gewissen. In den Auseinandersetzungen
wird oft so getan, als wären nur die lautstarken Widerständler wie Karl
Steinbauer oder Wilhelm von Pechmann ihrem Gewissen vor Gott gefolgt.
Jedoch gerade seine Gewissensfestigkeit machte Landesbischof Meiser das
tägliche Ringen um die rechte (und vor Gott zu verantwortende)
Entscheidung so schwer - ganz im Gegensatz zu den DC-Kirchenführern.
Immer wieder musste er sich fragen: Wie weit kann ich gehen, ohne die
Wahrheit der Heiligen Schrift zu verleugnen, und dennoch die gebotene
Untertänigkeit gegenüber dem Staat wahren (Röm. 13, 1ff)? Dazu kam noch
das Bestreben, die Einheit (und Einheitlichkeit) der Kirche nach
Möglichkeit zu erhalten - all dies begleitet von der tiefen, auch laut
geäußerten Sorge um die Zukunft des Volkes. Da eine öffentlich
ausgesprochene Befürchtung dieser Art bereits als Staatsfeindlichkeit
ausgelegt werden konnte, waren Kompromisse oder eben "allergetreueste
Opposition" bei diesen Verhältnissen nicht zu umgehen. Stets mussten
Entscheidungen von außergewöhnlicher Brisanz gefällt werden, z.B.: Was
ist von höherem Gewicht: der Widerstand gegen den Hitlergruß im
Religionsunterricht oder die Weiterführung des Religionsunterrichts? Die
Nadelstichpolitik des NS-Staates sorgte mit ihren Provokationen
unentwegt dafür, dass sich die Kirchenleitung während jener Zeit ständig
zwischen Skylla und Charybdis bewegen musste. In einem geordneten
Rechtsstaat, wie wir ihn heute haben, ist solches kaum mehr vorstellbar.
Immerhin bot aber die Erhaltung der "intakten" Landeskirchen nach 1933
ein (eingeschränktes) Bollwerk gegen die im NS-Staat weit um sich
greifende deutsch-christliche Verfälschung der biblischen Botschaft. Die
Kirchen leisteten während des bayerischen Kirchenkampfes wohl keinen
lautstarken "Gegenkampf", aber doch einen hinhaltenden "Widerstand".
Deshalb wurde gegen bayerische Pfarrer - statistisch gesehen - jeden
zweiten Tag eine Strafmaßnahme verhängt.
Interessant ist, dass die kritischen Stimmen gegen Landesbischof Hans
Meiser meist aus der evangelischen Kirche selbst stammen, während
hingegen neutrale weltliche Beobachter sein Wirken gänzlich anders
beurteilen. Ein Abschnitt aus dem Werk "Deutsche gegen Hitler" des
Deutschland-Korrespondenten des Manchester Guardian, Terence Prittie,
mag dies beispielhaft bezeugen:
"Hitler hat wohl angenommen, dass die Herrschaft über den Apparat der
Kirchenverwaltungen und über die kirchliche Jugend ihm die Herrschaft
über die Evangelischen für die Zukunft garantieren würde und dass er
weitere Opposition von Seiten dieser "kleinen dürftigen Subjekte" nicht
zu befürchten habe. Aber viele deutsche Protestanten wurden der Gefahr,
die der Nazismus für ihre Kirchen und für ihren Glauben bedeutete, sehr
rasch gewahr. Anfang September weigerte sich ein Drittel der preußischen
Synode, die Wahl des Reichsbischofs Müller zu bestätigen. Hitler
handelte sofort: auf dem Wege staatlicher Verordnung wurden alle
kirchlichen Synoden abgeschafft.
Zu diesem Zeitpunkt hatte der kirchliche Widerstand sein Zentrum bei den
Evangelischen der Rheinprovinz und Westfalens, die sich der Autorität
des Staates in religiösen Angelegenheiten nicht beugen wollten. Pastor
Martin Niemöller war der erste, der auf die Einmischung der Nazis in
kirchliche Dinge reagierte; im September 1933 gründete er den
"Pfarrernotbund", dem mehr als 1300 Pfarrer aus ganz Deutschland sofort
beitraten. Bis Weihnachten umfasste der Notbund mehr als sechstausend
Mitglieder, d.h. rund ein Drittel aller evangelischen Pfarrer
Deutschlands. Bei den Deutschen Christen blieben höchstens dreitausend
von einer Gesamtzahl von 17.000. Rund die Hälfte der Pfarrer bezog keine
klare Stellung in einem Kampf, dessen Ausgang ungewiss war und dessen
Verwicklungen sie vielfach nicht begreifen konnte.
Der Widerstand war in vollem Gange. Im Dezember 1933 nahm er deutlichere
Formen an. Er hatte nun zwei Zentren. In Süddeutschland kämpften die
kirchlichen Führer tapfer, aber ohne großes Aufsehen darum, dass ihre
Kirchen von weltlichem Einfluss frei blieben und dass ihre
Gemeindeglieder nicht jeden Sinn für den eigentlichen Charakter des
Christentums verloren. In Norddeutschland geschah etwas Fundamentaleres,
nämlich ein gemeinsamer Versuch von Christen, die ihrem Gewissen keinen
Kompromiss zumuten wollten, einem erklärten Feind zu widerstehen, dem
Nazismus. Zunächst waren diese beiden verschiedenen Arten des
Widerstandes eng miteinander verbunden. So unterzeichneten z.B. im
Dezember 1933 sechstausend Pfarrer aus ganz Deutschland eine Erklärung,
dass die Existenz der deutschen evangelischen Kirche in ihrer Gesamtheit
bedroht sei. Im selben Monat protestierten die lutherischen Bischöfe
geschlossen gegen die erzwungene Übernahme der evangelischen
Jugendgruppen in die Hitler-Jugend. Im Januar 1934 suchte eine
repräsentative Gruppe von Kirchenleitern Hitler auf, um ihm eine Reihe
von Beschwerden vorzutragen; es wurde ihnen schroff bedeutet, Aufgabe
der Kirchen sei es, mit der nationalsozialistischen Bewegung gleichen
Schritt zu gewinnen und zu halten.
Im März 1934 versuchten die Bischöfe ein weiteres Mal, durch eine
persönliche Begegnung mit Hitler zu einem Übereinkommen zu gelangen. Die
Süddeutschen führten sie an - Bischof Theophil Wurm von Württemberg und
Bischof Hans Meiser von Bayern. Sie brachten vor, sie hätten einen
letzten Versuch unternommen, mit Reichsbischof Müller zusammenzuarbeiten
(nach Dibelius hatten sie tatsächlich zugestanden, sich vom
Pfarrernotbund zu distanzieren), aber ohne Erfolg. Zwei von den
anwesenden Bischöfen erklärten, jeder weitere Druck von Seiten der Nazis
werde sie zwingen, in "loyale Opposition"(falsche Übersetzung aus dem
Englischen, richtig wäre "allergetreueste Opposition"gewesen - die
Verf.) zu gehen. Das Ergebnis war einer der typischen heftigen
Wutanfälle Hitlers.
Er behauptete, die evangelischen Kirchen seien 1918 völlig
zusammengebrochen und zu einem Anhängsel der katholischen Kirche
einerseits und der marxistischen Sozialdemokratie andererseits geworden.
Er brüllte die Bischöfe an und nannte sie Volksverräter und
Staatsfeinde.
Etwas erlosch nach dieser Unterredung von der süddeutschen, orthodoxen
evangelischen Opposition gegen Hitler; wen könnte das wundern? Es war
nicht einfach so, dass Männer wie Wurm und Meiser nur daran interessiert
gewesen wären, ihre kirchliche Organisation intakt zu halten; sie
glaubten vielmehr aufrichtig, dass ihre wesentlichste Pflicht sei, die
Fortsetzung der christlichen Predigt und Liebestätigkeit zu ermöglichen.
Sollten sie wie die ersten Christen den Rückzug in die Katakomben
antreten? Wie sie es sahen, war diese Frage in einer Kontroverse
zwischen einer weltlichen und einer religiösen Autorität im zwanzigsten
Jahrhundert gar nicht gestellt, wobei die letztere nur das wollte, was
ihr zustand und nicht nach den Missständen der weltlichen Regierung
fragte. Ihr Fehler war, dass sie Hitlers tiefeingewurzelten Nihilismus,
seine absolute Nichtachtung der Interessen und Wünsche des Volkes und
seine Entschlossenheit, dem deutschen Volk seinen Willen aufzuzwingen,
völlig unterschätzten. Eine ganze Reihe erfahrener Politiker machte
denselben Fehler wie Wurm und Meiser, nur war er bei ihnen weniger
verzeihlich.
Dennoch fuhren auch die weniger radikalen süddeutschen Evangelischen
fort, sich gegen Übergriffe des Staates zur Wehr zu setzen. Ihr
Widerstand nahm zwar mehr und mehr lokale Formen an, aber er wich von
seinen ursprünglichen Zielen niemals ab...
1934 geriet Wurm erneut in Schwierigkeiten. Im August dieses Jahres
bildeten die evangelischen Kirchen in Württemberg und in Bayern eine
"Kampffront" von Augsburg, welche die Einreihung in eine von den Nazis
aufgezogene Nationalsynode verwarf und am Recht auf die eigene
Unabhängigkeit festhielt. Im September wurde Wurm von Müller zum
Rücktritt aufgefordert. Gleichzeitig wurde er verhaftet und beschuldigt,
den politischen Gegnern der Nazis kirchliche Geldmittel zugeteilt zu
haben. Er blieb vom 15. bis zum 18. September in Haft, und die Deutschen
Christen erklärten, wer sich gegen die Reichskirche auflehne, lehne sich
gegen den Führer auf. Nach seiner Freilassung weigerte sich Wurm
weiterhin, freiwillig zurückzutreten. Am 9. Oktober ließ Müller ihn
zwangsweise in den Ruhestand versetzen, und die Nazis glaubten sich nun
imstande, ohne Gewissensbisse gegen ihn vorgehen zu können. Bischof Wurm
wurde zum "volks- und staatsfeindlichen Element" erklärt und ein
weiteres Mal verhaftet.
Am 21. Oktober 1934 versammelten sich etwa siebentausend deutsche
Protestanten vor Wurms Haus in Stuttgart, wo Wurm in Hausarrest gehalten
wurde, und verlangten seine Freilassung, die daraufhin erfolgte.
Merkwürdigerweise geschah dem bayerischen Landesbischof fast das gleiche
fast zur gleichen Zeit. Die Neuordnung der evangelischen Kirche Bayerns
wurde von den Nazis im Oktober 1934 proklamiert. Am 12. Oktober wurde
der standhafte Meiser verhaftet, aber heftige Proteste in Nürnberg,
Bamberg und anderswo veranlassten den zuständigen Gauleiter und
notorischen Judenhetzer Julius Streicher zur Abgabe einer Erklärung,
dass kein evangelischer Christ seinem Gewissen Gewalt antun müsse.
Meiser wurde wieder in sein Amt eingesetzt. Einen Augenblick lang sah es
so aus, als ob der orthodoxe Widerstand der Kirchen das Feld behauptet
hätte.
Aber dieser orthodoxe kirchliche Widerstand hatte niemals große Chancen
gegen die Dynamik des Nazismus. Es überrascht nicht, dass er in den
nächsten zehn Jahren der Nazizeit mehr und mehr abflaute, obwohl Leute
wie Wurm und Meiser ihre Versuche nie aufgaben. Ende 1934 trafen sie
nochmals mit Hitler zusammen - sie scheinen dabei zwar ihren Standpunkt
behauptet, aber nichts Konkretes erreicht zu haben. Im Februar 1935
taten sie das ihrige, um Demonstrationen gegen die Übergriffe eines
neuen Heidentums zu organisieren, und im April fand Meiser mutige Worte
gegen die neue Ideologie des "Neuheidentums", welche die Hitlerjugend
ergriffen hatte. 1937 wurde Meiser ... ausdrücklich verboten, Thüringen
und Sachsen zu besuchen, wo das Heidentum größere Fortschritte gemacht
hatte. Wurm seinerseits wurde in einen neuen Kleinkrieg in Württemberg
verwickelt, als im Jahre 1938 mehrere Pfarrer seiner Kirche verprügelt,
öffentlich beleidigt und sogar beschossen wurden, wobei der Pfarrer von
Oberlenningen schwer verletzt wurde und der Pfarrer von Böckingen die
Fensterscheiben seines Hauses einbüßte. Im Juli 1940 protestierte Wurm
beim Innenministerium gegen den organisierten Mord an Geistesschwachen
und Epileptikern. Er stützte sich dabei auf einen zweifellos
zutreffenden Bericht, dass in der Heilstätte Grafeneck mit ihren hundert
Betten täglich durchschnittlich 43 Kranke ermordet wurden. 1941 kämpfte
Wurm um die Abwendung eines Verbots von kirchlichen Zeitungen und
Zeitschriften. Gegen Ende desselben Jahres und wieder 1942 schrieb er an
Hitler persönlich, um gegen nationalsozialistische Eingriffe in das
Kirchenwesen zu protestieren.
Seit 1942 versuchten sowohl Wurm als auch Meiser die insgesamt 340.000
getauften Juden zu retten [Nach einer Berichtigung von Pfr. i.R. Paul
Fischer / Fürth sollen es "nur" ca. 100.000 Juden gewesen sein; Anm.
R.Meiser], deren Bekehrung sie einen Glaubensakt nannten, der die
christliche Gemeinde insgesamt angehe, zu der sie - einmal getauft -
gehörten und von der sie nicht ausgeschlossen werden könnten...
1944 erklärte Wurm die Bombardierung deutscher Städte durch die
Alliierten für ein Urteil Gottes angesichts der Dinge, die man den Juden
angetan hatte. Die Gestapo suchte ihn auf, aber überraschenderweise
passierte im Moment nichts weiteres. Am 3. März 1944 verwarnte der
Minister und Chef der Reichskanzlei Dr. Hans Lammers Wurm "letztmalig",
vor allem, weil seine Kritik an der nationalsozialistischen
Kirchenpolitik zuerst in Schweden, dann auf englisch, französisch und in
anderen Sprachen nachgedruckt worden war.
Wurm und Meiser überlebten die Nazizeit. Man wird es verzeihlich finden,
dass ich hier über ihr Bemühen, Hitler Widerstand zu leisten, einige
bloße Tatsachen referiert habe, denn diese beiden Männer und ihre treuen
Helfer in Süddeutschland sind außerhalb Deutschlands einfach unbekannt.
Naturgemäß war diese im Rahmen des Traditionellen bleibende, sozusagen
"orthodoxe" Art des Widerstandes der evangelischen Kirchen nicht
übermäßig durchschlagend. Aber was waren die Ziele, die sich Männer wie
Wurm und Meiser setzen mussten? Sie glaubten, dass ihre Stellung und
ihre Verantwortung ihnen nicht erlaube, das Martyrium zu suchen. In
ihren Augen war ihre Hauptaufgabe, sicherzustellen, dass die Predigt von
Gottes Wort nicht aufhörte. Es musste sozusagen eine oberirdische
Rückzugstellung geben, die zu den Katakomben der geistlichen Existenz
führen konnte.
Man kann mit guten Gründen sagen, dass Wurm und Meiser scheiterten, aber
man kann nicht sagen, dass sie nicht wieder und wieder versucht hätten,
ihr Ziel zu erreichen, bis in die letzten Tage des Naziregimes hinein.
Es war ein konkretes Ergebnis ihrer hartnäckigen Weigerung, aufzugeben,
dass nach 1945 Vernunft und Verlässlichkeit in den süddeutschen
evangelischen Glaubensgemeinschaften wieder zu blühen begannen. Schwaben
ist noch einmal zu einer Zitadelle fortschrittlichen politischen Denkens
in Deutschland geworden, und die bayerischen Protestanten haben eine
führende Rolle bei der Entstehung des westdeutschen Staates gespielt.
Wurm und Meiser sind also vielleicht nicht völlig gescheitert."
Nur durch die oftmals unverstandene und kritisierte
"Mit dem Feind - Gegen den Feind-Politik" war es Hans Meiser gelungen,
einerseits die ihm anvertraute Kirche vor den Nationalsozialisten zu
retten und andererseits seiner Verpflichtung zur Nächstenliebe
Andersgläubigen gegenüber gerecht zu werden.
Nach dem Krieg gelang es ihm, die zerrissenen deutschen lutherischen
Landeskirchen zu vereinigen und für 700.000 Flüchtlinge aus dem Osten
eine neue Heimat zu schaffen. Dass er dabei die ehemaligen Pfarrer der
Deutschen Christen wieder aufnahm, geschah nicht aus Sympathie zu ihnen,
sondern Meiser verstand sein Handeln als Zeichen der Vergebung. Es war
dies geradezu eine neutestamentliche Art, mit Schuld umzugehen. Zudem
musste die praktische Arbeit des Wiederaufbaus und der Integration der
Flüchtlinge geleistet werden, was mit der verbliebenen Zahl der Pfarrer
sicherlich nicht möglich gewesen wäre. Völlig realitätsfern ist deshalb
auch der Vorwurf, Meiser sei mit allen Kräften gegen eine
Entnazifizierung der Pfarrerschaft vorgegangen.
Im Jahr 1955 trat Hans Meiser mit Rücksicht auf sein Alter von seinem
Amt zurück. Im selben Jahr verlieh ihm Bundespräsident Theodor Heuss das
Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, nachdem er
als Landesbischof schon 1952 mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern des
Verdienstordens der BRD ausgezeichnet worden war. Am 12. Juni 1956, vier
Tage nach Meisers Tod, erklärte der Münchner Oberbürgermeister Thomas
Wimmer in einer Stadtratssitzung, dass die Stadt München "dem
verstorbenen Landesbischof für alle Zeiten ein ehrendes Andenken
bewahren" wird. Gleichzeitig kündigte er die Benennung einer Straße in
München nach dem Verewigten an. Die Städte Nürnberg, Ansbach (deren
Ehrenbürger Meiser war), Erlangen, Bayreuth und die Gemeinde Pullach
taten es München gleich. Unter den zahlreichen Kranzspenden und
Beileidsschreiben zum Tode Hans Meisers ragen die von Bundeskanzler
Konrad Adenauer, Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier,
Ministerpräsident Wilhelm Hoegner, Landtagspräsident Hans Ehard und
Oberbürgermeister a.D. Karl Scharnagl besonders hervor.
Die Kritiker Hans Meisers machen es sich leicht, da sie zum Großteil die
Zeitläufe nicht in ihr Urteil mit einbeziehen. Der spätere Landesbischof
Hermann von Loewenich sagte einmal zu Rudolf Meiser, dem jüngsten Sohn
Hans Meisers: „Wenn ich damals Bischof gewesen wäre – ich wüsste heute
nicht, wie ich mich verhalten hätte“.
Opposition in einer Diktatur ist von jener in einer Demokratie, in der
man ungestraft jeden Politiker der Lächerlichkeit preisgeben darf,
grundverschieden. Die herausragende Studie von Michael Hesemann „Hitlers
Religion“ (Pattloch Verlag, München 2004) hat aufgezeigt, dass nach dem
Holocaust an den Juden auch die Vernichtung des Christentums geplant war
(„Ohne Juda, ohne Rom, wird gebaut Germaniens Dom“, lautete der
NS-Slogan), was schließlich durch die deutsche Niederlage und die
Befreiung vom Faschismus verhindert wurde. Mit diesem Hintergrundswissen
erscheint das Handeln von Landesbischof Hans Meiser heute
in einem anderen Licht: Er musste so handeln, um die evangelische Kirche
und damit ihre Mitglieder nicht nur vor der kircheninternen
Zersplitterung, sondern vor allem vor der Vernichtung durch die Nazis zu
retten. |