|
|
WESEN UND WIRKEN
Das Ringen Meisers mit dem NS-Regime
1.) Die Einstellung des Staates zur Kirche (Werbung
und Bekämpfung)
2.) Die Haltung Meisers gegenüber dem Staat (Loyalität und Protest)
3.) Der Kampf von Staat und Partei gegen Meiser
4.) Chronologie
Meisers Verhalten im Kirchenkampf während des "Dritten Reiches" wird in
der einschlägigen Literatur oft negativ beurteilt. Die Beziehungen
zwischen ihm und dem NS-Staat waren jedoch durchaus widersprüchlicher
Natur. Nur eine differenzierende Betrachtung der Vorgänge kann daher die
Fakten sachgemäß werten. Die Auseinandersetzungen waren auch keineswegs
auf die Glaubensbewegung der "Deutschen Christen" (DC) beschränkt,
sondern fanden oft unmittelbar mit der Staats- und Parteimacht selbst
statt.
1.) Die Einstellung des Staates zur Kirche (Werbung und Bekämpfung)
Die NSDAP und ihr Staat gaben sich in den ersten Monaten dieser Ära
durchaus kirchenfreundlich. Da Hitler zunächst an einer breiten
Zustimmung des Volkes zu seinen Ideen und Vorhaben gelegen war, suchten
die Machthaber den Kontakt zur Kirche. Es ist nicht auszuschließen, dass
es unter ihnen Leute gab, die ernsthaft an eine Symbiose von Christentum
und Nationalsozialismus glaubten. So stellte der bayerische
Ministerpräsident Siebert in seiner Sylvesteransprache von 1933 die
Devise auf: "Unsere Religion ist Christus, unsere Politik ist
Deutschland". Dieser Haltung entsprach am 11. Juni 1933 eine auffallend
große Beteiligung von NS-Organisationen an der Einführung Meisers als
Bischof der bayerischen Landeskirche in der St. Lorenzkirche zu
Nürnberg. Auch gewährte der bayerische Kultusminister Schemm
Landesbischof Meiser die Einsichtnahme in das Konzept einer Rede, die
Hitler zu den bevorstehenden Kirchenvorstandswahlen in der Deutschen
Evangelischen Kirche halten wollte. Meiser bat Schemm, Hitler davon
abzubringen, aber Schemm war erfolglos.
Gleichzeitig jedoch führte das Regime einen erbitterten Kampf gegen
Christentum und Kirche und bediente sich dafür zunächst der Deutschen
Christen. Auf der berühmt-berüchtigten Sportpalastkundgebung in Berlin
am 13.11.1933 forderte ihr Gauobmann von Großberlin vor 20.000 Menschen
die Befreiung des Gottesdienstes von allem "Undeutschen und
Bekenntnismäßigen", "Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen
Lohnmoral", von diesen "Viehhändler- und Zuhältergeschichten". Auch
sollte die "Minderwertigkeitstheologie des Rabbiners Paulus" entfernt,
sowie eine übertriebene Herausstellung des Gekreuzigten vermieden
werden. Dem Totalitätsanspruch der NSDAP stand der auf die Bibel des
Alten und Neuen Testaments sowie auf die reformatorischen
Bekenntnisschriften gegründete Glaube vieler evangelischer Christen in
Deutschland entgegen.
Die radikale Vernichtung der christlichen Kirchen war für die Zeit nach
einem gewonnenen Krieg vorgesehen. Schon vorher aber gehörte ihre
Bekämpfung zum Regierungsprogramm der Nationalsozialisten. Eine endlose
Zahl von Strafmaßnahmen aller Art, vom Redeverbot bis zur Inhaftierung
in Konzentrationslagern umfasste die Palette dieser Maßnahmen. In Bayern
wurden im Lauf der 12 Jahre NS-Herrschaft 2306 Strafen über Pfarrer
verhängt.
Es kann also keine Rede davon sein, dass die Pfarrer der bayerischen
Landeskirche eine schweigende mutlose Masse gewesen wären. Die Kirche
war einer ununterbrochenen Bedrängung durch Diffamierungen von Pfarrern
und Laien, Beschlagnahme kirchlicher Druckerzeugnisse, Auflösung
kirchlicher Organisationen, Übergriffe in das gottesdienstliche Leben,
Einstellung kirchlicher Zeitschriften, Untersagung von Freizeiten und
Bibelwochen, Verboten von Versammlungen und Reisen und einer Bedrängung
durch viele andere Schikanen ausgesetzt.

2.) Die Haltung Meisers gegenüber dem Staat (Loyalität und Protest)
Um die Haltung Meisers und der damals führenden Generation in
Deutschland richtig einordnen zu können, ist ein Rückblick in die
deutsche Geschichte notwendig. War das deutsche Nationalgefühl schon in
der Romantik politisch und literarisch zum Ausdruck gekommen, so
steigerte es sich im Laufe des 19. Jahrhunderts mit der Entwicklung zu
einem gemeinsamen deutschen Staat im Kaiserreich nach 1871. Das Wirken
Bismarcks vor und nach 1871 zeitigte ein Nationalbewusstsein, das die
deutsche Seele mit Befriedigung erfüllte. Umso schwerer war die deutsche
Niederlage 1918 und der Vertrag von Versailles zu verwinden, weil dieser
von vielen Deutschen damals als eine ungeheure Demütigung des deutschen
Volkes empfunden wurde. Hitlers propagandistische Betonung des
Deutschtums fiel daher bei vielen Deutschen auf empfänglichen Boden.
Auch Meiser war deutschnational und konservativ eingestellt ohne
chauvinistisch zu sein. Bei ihm verband sich damit die Wertschätzung der
staatlichen Organisation, wie sie Röm. 13,1 ausspricht: "Jedermann sei
untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine
Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott
verordnet". Das Augsburger Bekenntnis von 1530 (Confessio Augustana)
nimmt diese Sicht auf, versäumt jedoch nicht, den Christen
einzuschärfen, dass man Gott mehr gehorchen solle als den Menschen, wenn
der Obrigkeit Gebot "nicht ohne Sünde befolgt werden kann" (Artikel 16).
Die Problematik, die dieser Artikel in sich trägt, bezeichnet genau die
Situation, in der Meiser in seinem Verhältnis zum NS-Regime stand. Am
Beginn des "Dritten Reiches" setzte er große Hoffnung auf eine neue
Ordnung des Staatswesens, die dem antichristlichen Kommunismus kraftvoll
entgegentreten und dadurch der Kirche eine mehr oder weniger ungestörte
Entfaltung ihrer Aktivitäten ermöglichen würde. Bei dieser Erwartung
handelte es sich nicht nur um ein persönliches Trauma, das Meiser
infolge seiner Inhaftierung durch Organe der bayerischen Räterepublik
erhielt, sondern sie entsprang auch einer lebhaften Erinnerung an die
grauenvollen Christenverfolgung durch die Bolschewiken nach ihrem Sieg
1918/19 in Russland und im Baltikum, der viele Tausende orthodoxer und
evangelischer Christen zum Opfer gefallen waren. Die solchermaßen
mehrfach begründete Einstellung zum Staat führte z. B. zu der Anweisung
an die Pfarrer in Bayern, bei wichtigen nationalen Anlässen in den
Friedensjahren und später im Krieg die Kirchen zu beflaggen und die
Glocken läuten zu lassen, den Religionsunterricht mit dem Hitlergruß zu
beginnen und etwaige kirchliche Kollekten dem staatlichen
Winterhilfswerk zuzuführen. Den Abbruch der Münchner Matthäuskirche nahm
Meiser hin, da Kultusminister Wagner einen Ersatzbau für diese Kirche an
anderer Stelle versprochen hatte.
All dies geschah jedoch noch aus einer ganz anderen Überlegung. Meiser
hoffte durch zeitweise bekundete Loyalität, dem Staat und der NS-Partei
ein Mindestmaß an Freiraum für die Aktivitäten der Kirche abringen zu
können. Ein deutliches Beispiel dafür ist der schon erwähnte damalige
Religionsunterricht. Der Staat hatte zur Bedingung gemacht, dass jede
Stunde mit dem Hitlergruß eröffnet werden müsse, andernfalls würde
dieser Unterricht verboten. Was war nun wichtiger: Die Unterlassung
dieses Grußes und der darauf folgende Wegfall des Unterrichts (gerade in
dieser Zeit!) oder seine Weiterführung? In solchen
"Zwickmühlen-Situationen" ging es nicht nur um Taktik, sondern um die
Frage: Wie kann die Kirche ihrem Auftrag dem deutschen Volk gegenüber am
wirksamsten nachkommen? Es ging auch nicht nur um "Besitzstandwahrung"
der Kirche, sondern es entsprang einer tiefen inneren Sorge um die
Zukunft dieses Volkes, wenn es den durch den Nationalsozialismus
eingeschlagenen Weg weiterging. Es handelte sich nicht um Taktik aus
Feigheit, sondern um Taktik aus der Verantwortung für eine ganze
Landeskirche - man kann ohne Übertreibung auch sagen - ein ganzes Volk.
Aber diese Art zu handeln war nur die eine Seite von Meisers Vorgehen,
die andere bestand aus einem schier unermüdlichen Protest. Aus
Platzgründen kann hier nur einiges aufgeführt werden. Im August 1933
richtet Meiser eine Denkschrift an Ministerpräsident Siebert, in der er
sich über die Wahlbeeinflussung der Partei bei den
Kirchenvorstandswahlen im Juli ausspricht. Im Januar 1934 überreicht er
eine Denkschrift an Hitler mit der Forderung nach dem Rücktritt des von
diesem protegierten Reichsbischofs Ludwig Müller. Am 13.3.1934 gewährte
Hitler den Bischöfen Wurm (Württemberg) und Meiser eine Unterredung. Die
Bischöfe legten dar, warum sie eine Zusammenarbeit mit Müller ablehnten.
Hitler antwortete und erklärte, er werde Müller nicht abberufen. Darauf
Meiser: "Wenn der Führer bei seinem Standpunkt verharren will, bleibt
uns nichts anderes übrig als seine allergetreueste Opposition zu
werden." Auch unter den heutigen Gegebenheiten freier Meinungsäußerung
wird klar sein, dass viel Mut dazu gehört hat, einem Diktator Auge in
Auge eine entgegengesetzte Haltung anzukündigen. Hitler geriet in
maßlose Erregung und schrie: "Was sagen Sie? Allergetreueste Opposition?
Feinde des Vaterlandes, Verräter des Volkes sind Sie." In der
zeitgeschichtlichen Beurteilung Meisers wird meist nur das Wort "allergetreueste"
gehört, aber die Aussage "Opposition" übersehen.
Weitere Dokumente belegen Auseinandersetzungen mit den Reichsministern
Frick und Gürtner, Reichsmarschall Göring, Reichsstatthalter von Epp
(diesem sowie Ministerpräsident Siebert teilte Meiser aus seinem
Hausarrest im Oktober 1934 heraus die Bedingungen für eine Befriedung
der bayerischen Landeskirche mit), Gauleiter Wagner sowie
untergeordneten Staats- und Parteistellen (z. B. der Gestapo).
Selbstverständlich setzte er sich im Juni 1936 für die Haftentlassung
von Vikar Steinbauer in Penzberg (Oberbayern) ein, desgleichen bei
Göring für die Freilassung Pfarrer Niemöllers, der am 3.3.1938 in das KZ
Sachsenhausen verbracht worden war. Bei von Epp protestierte er am
23.2.1940 mit "sichtlicher Erregung" gegen die vom Staat eingeleiteten
Euthanasiemaßnahmen. Sein Vorgehen in der Judenproblematik ist an
anderer Stelle dieser Reihe geschildert.

3.) Der Kampf von Staat und Partei gegen Meiser
Naturgemäß ließ sich das NS-Regime solche "Aufsässigkeit" nicht lange
gefallen. Darum gibt es in Meisers Geschichte nicht nur den Widerstand
gegen die Staatsgewalt, sondern auch den Kampf des Staates gegen ihn. Am
15.9.1934 brachte die Fränkische Tageszeitung in Nürnberg einen Artikel
des stellvertretenden Gauleiters Karl Holz mit der Überschrift: "Fort
mit Landesbischof D. Meiser! Er ist treulos und wortbrüchig - Er handelt
volksverräterisch - Er bringt die evangelische Kirche in Verruf". Dies
war der Auftakt zur Verhängung des Hausarrests vom 12. - 26.10.1934, der
einen Sturm der Entrüstung in ganz Bayern auslöste. Viele
Gemeindeglieder, vor allem aus Franken, reisten nach München, um den
gefangenen Bischof ihrer Treue zu versichern und bei Innenminister
Wagner vorzusprechen. Auch bei Himmler in Berlin wurde protestiert. Der
"Aufstand" verfehlte seine Wirkung nicht, zumal das Ausland Kunde davon
bekam. Meiser und der württembergische Landesbischof Wurm, dem Gleiches
widerfahren war, wurden wieder auf freien Fuß gesetzt. Wurm hat diesen
Vorgang später als die "einzige innenpolitische Niederlage" Hitlers
bezeichnet. Auch in der Folgezeit hat man Meiser immer wieder zugesetzt
durch mehrere Strafverfahren, Redeverbote und Ausweisungen aus Thüringen
und Sachsen.
Wie bei jedem Menschen in schwierigen Situation Fehlverhalten auftritt,
so war es auch bei ihm. Er hat dies rückhaltlos bekannt, z. B. in einem
Rundschreiben vom 13.3.1934 an die bayerischen Pfarrer wegen seiner
Zustimmung zur Wahl Ludwig Müllers zum Reichsbischof, sodann in der
ersten Synode nach dem Krieg im Juli 1946, in der er wörtlich ausführte:
"Meine Herren!
Ich möchte der letzte sein, der hier Dinge zu beschönigen versucht, an
denen man wohl sein Leben lang als an schweren bitteren Wunden trägt.
Aber es ist die Frage, ob es wirklich unsere Pflicht ist, diese Wunden,
die wir mit uns tragen aus der Zeit des Kampfes, nach außen hin immer
wieder aufzubinden. Mir geht immer ein Wort des großen Theologen
Bachmann nach: ‚Die rechte Buße ist ein neues Leben'. Man kann Buße tun
nicht bloß durch Schuldbekenntnisse - die können recht zweckbestimmt
sein; die Echtheit der Buße erweist sich darin, dass man die Fehler,
soweit Gott Gnade gibt, in Zukunft vermeidet. Eines möchte ich ablehnen,
mich ständig zur Buße rufen zu lassen von Leuten, die außer jeder
Verantwortung stehen. Das sieht man auch im Ausland ein, dass der
ständige Bußruf K. Barths nicht stimmen kann. "Wir im Ausland sollten
das Wort Calvins nicht vergessen: ‚Ihr standet im Kampf und wir im
Schatten'."
Es ist etwas anderes in der Kampfsituation gestanden zu sein oder von
außen her die Dinge mit billigen Urteilen zu begleiten. Dafür kann ich
mich und unsere Kirchenleitung nicht entschuldigen, dass wir nicht alle
im KZ waren. Vielleicht waren wir zu zaghaft, unsere Gegner
herauszufordern, vielleicht aber lag es auch daran, dass unsere
Gemeinden uns geschützt haben, dass nach dem Erleben des Kirchenkampfs
und dem Aufstand der Gemeinden die maßgeblichen Stellen sich sehr
gehütet haben, einen ähnlichen Aufstand der Gemeinden zu provozieren.
Nachträglich rühmt sich der Polizeipräsident von Nürnberg, dass ich und
Pfarrer von Mittelfranken es ihm zu verdanken hätten, dass wir nicht ins
KZ kamen. Es kam also auch auf das Gegenüber und dessen Gesinnung an.
Aber dafür kann ich mich nicht entschuldigen.
Ich möchte jetzt nicht auf einzelne Gravamina eingehen, die aufgeklungen
sind: Wahl des Reichsbischofs Müller - Reichskirchenausschüsse -
Gebetsliturgie - Schulkampf usw.
Hier wäre viel zu sagen, um zu einer gerechten Beurteilung der Haltung
der Kirchenleitung zu kommen. Ich wehre mich gegen ein
Generalverdammungsurteil. Hier wird heute das letzte Urteil noch nicht
gesprochen sein. Aber ein anderes sei grundsätzlich gesagt: Durch manche
Äußerungen klingt es so, dass wir deswegen unsere Aufgabe versäumt
hätten, weil unser Widerstand nicht zugleich in eine politische
Widerstandsbewegung einmündete, weil wir uns nicht am Tyrannenmord
beteiligt haben: ‚Jetzt, jetzt gehören die Christen auf die Barrikaden!'
Ob nicht die Salzburger Emigranten dem Geist des Evangeliums näher
stehen als die französischen Hugenotten? Und ob nicht die Evangelischen
in Österreich, die in der Zeit des Geheimprotestantismus durch 180 Jahre
das Evangelium allen Widerständen zum Trotz hindurchgerettet haben, mehr
Salz und Kraft für die christliche Kirche in Europa geworden sind, als
die, die entgegen der Weisung des Herrn das Evangelium auf des Schwertes
Spitze gestellt haben? Lassen Sie sich nicht das Urteil dadurch
verwirren, ob die Vertreter der Kirche in der politischen
Widerstandsbewegung führend waren oder nicht! Die lutherische Ethik wird
dazu wohl einmal noch Stellung nehmen."
Auch die Stuttgarter Schulderklärung vom Oktober 1945 trägt seine
Unterschrift. Bei der ersten Zusammenkunft des Exekutivausschusses des
Lutherischen Weltbundes 1947 im schwedischen Lund bat er in bewegenden
Worten die Bischöfe der ehemals feindlichen Staaten um Vergebung für die
Untaten, die durch Deutsche in ihren Ländern begangen worden waren. Erst
durch Meisers Bitte wurde die Kontaktaufnahme zwischen den lutherischen
Kirchen Deutschlands und den auswärtigen Kirchen wieder möglich.
Jeder, der in einem öffentlichen Amt steht, ist der Kritik ausgesetzt.
Aber jeder hat auch das Recht, aus seiner Zeit und Situation heraus
verstanden zu werden. Zusammenfassend kann mit seinem Freund Julius
Schieder, ehemals Kreisdekan in Nürnberg, gesagt werden: "Meiser war ein
Wächter auf den Mauern der Kirche."

4.) Chronologie
Im folgenden soll ein Auszug aus dem Buch "Chronologie des bayerischen
Kirchenkampfes 1933 - 1945" von Helmut Baier und Ernst Henn einen kurzen
Überblick über die Kampfmaßnahmen des NS-Regimes gegen die Kirche und
das Protestverhalten Meisers geben.
1933
|
11.07.33 |
Gespräch im RMdI (Reichsministerium des Inneren) unter Leitung
von Dr. Frick: Meiser stellt die Bedingung, dass die
Staatskommissare zurückgezogen werden und die Freiheit der
Kirche wieder hergestellt wird |
|
22.07.33 |
Schemm gibt Meiser Einblick in das Redekonzept von Hitler zur
Kirchenvorstandswahl. Meiser bittet Schemm, Hitler von der Rede
abzuhalten - erfolglos |
|
24.07.33 |
Audienz bei Hitler. Die Kirchenführer versuchen, Hitler die
Augen über die Kirchenwahl zu öffnen |
|
01.08.33 |
Meiser verfasst Denkschrift an Siebert über die mancherlei
Wahlbeeinflussung durch die Partei |
|
30.08.33 |
Der
Landeskirchenrat beschließt, eine Vorstellung an das zuständige
Ministerium wegen Behandlung der Nichtarier zu richten, weil
"durch diese Maßnahmen viel Unrecht erlitten würde" |
|
31.12.33 |
Sylvesteransprache Sieberts: "Unsere Religion heißt "Christus",
unsere Politik heißt "Deutschland" |
1934
|
24.01.34 |
Überreichung einer Denkschrift an Hitler über die
Unerträglichkeit des Reichsbischofs und Forderung nach seinem
Rücktritt |
|
25.01.34 |
Besprechung bei Hitler |
|
30.01.34 |
Gedenkgottesdienste zum Jahrestag der Machtübernahme auf
Anordnung des Landeskirchenrates |
|
31.01.34 |
Schemm fordert in einem Telefongespräch Pfr. Zwörner in Selb
auf, Meiser zu stürzen und selbst Landesbischof zu werden |
|
08.03.34 |
Memorandum von Wurm und Meiser an Hitler über RB Müller |
|
11.03.34 |
Siebert tritt für eine Gemeinschaftsschule ein |
|
13.03.34 |
2-stündiges Gespräch von Wurm, Meiser, Hptm. Pfeffer mit Hitler
- Meiser: "allergetreueste Opposition!" |
|
22.04.34 |
Bekenntnisgottesdienst gegen die "Gefährdung der Kirche" - in
Ulm |
|
17.05.34 |
Meiser an Frick: Scharfes Schreiben wegen der
Eingliederungspolitik der Reichskirche |
|
14.08.34 |
Protest von Meiser und Wurm gegen die Gewalttätigkeiten bei der
Eingliederung |
|
13.09.34 |
Aussprache Meiser - von Epp |
|
12.10.34 |
Hausarrest für Meiser und Wurm. Meiser verweigert die
Unterschrift unter die ihm von Jäger vorgelegte
Abdankungsurkunde |
|
22.10.34 |
Meiser teilt Siebert (und v. Epp?) die Bedingungen für die
Befriedung der bayerischen Landeskirche mit |
|
26.10.34 |
Enthaftung von Meiser und Wurm |
|
31.10.34 |
Marahrens, Meiser und Wurm bei Hitler |
1935
|
12.02.35 |
Meiser mit Breit bei Reichsminister des Inneren Gürtner: "Es ist
ganz unmöglich, dass die Gerichte laufend die Illegalität des
Reichsbischofs bescheinigen und der Staat ihn als legal
behandelt." - Gürtner will Hitler sagen, dass es mit Müller
keinen Frieden gibt |
|
17.02.35 |
Gegenaktion der Partei (Holz) gegen den Besuch Meisers in
Heidenheim |
|
31.03.35 |
Das
Läuten der Glocken unterbleibt. Fürbittgottesdienste werden für
die im KZ Dachau einsitzenden Amtsbrüder gehalten |
|
26.06.35 |
Meiser protestiert schriftlich bei Göring wegen dessen Angriffe
auf die Kirche bei einer Rede auf dem Hesselberg, am 29.6.
nochmals Schreiben an Göring, desgleichen am 22.7. |
|
August 35 |
Karl
Holz führt erbitterte Angriffe im "Stürmer" mit den gemeinsten
Verleumdungen gegen die Einstellung Meisers zur Judenfrage und
gegen Pfarrer (Bild: Pfarrer knien vor Juden, Sowjetsternen und
Kreuzen) |
1936
|
08.09.36 |
Meiser verwahrt sich gegenüber Kerrl, der Kirche das Recht zu
seelsorgerlicher Wahrheit (Kundgebung gegen die Nationalkirche)
abzusprechen, da sonst die Kirche aufhören würde, Kirche zu sein |
|
27.10.36 |
Meiser spricht mit Reichsstatthalter Ritter von Epp über die
kirchliche Lage |
1937
|
02.01.37 |
Meiser wird in Erfurt durch Reg.-Präsident Weber gewaltsam an
der Predigt gehindert |
|
29.03.37 |
Entwürdigende Behandlung Meisers in Roth durch
Parteiorganisationen |
|
08.05.37 |
Meiser wird aus Thüringen ausgewiesen |
|
13.05.37 |
Protest Meisers gegen seine Ausweisung aus Thüringen an das RMdI:
DC-Würdenträger dürfen in Bayern ungehindert wirken |
|
02.07.37 |
Fast
dreistündige turbulente Aussprache Meisers mit Innenminister
Wagner über Schule, Kanzelerklärungen, Fall Steinbauer und 15.
DVO
Zu
"DVO" teilt das Landeskirchliche Archiv mit: "Die Abkürzung DVO
steht für Durchführungsverordnung. Die 15.
Durchführungsverordnung des Gesetzes zur Sicherung der Deutschen
Evangelischen Kirche vom 25.06.1937 schreibt die Bildung von
Finanzabteilungen in den einzelnen Landeskirchen vor, die
zentralistisch dem Reichsminister für kirchliche Angelegenheiten
unterstehen. Abgedruckt ist die 15. DVO in: Gesetzblatz der DEK,
Jg. 1937, Nr. 12 vom 03.07.1937, S. 33-35. Gegen diese
Verordnung leistete die Bayerische Landeskirche erheblichen
Widerstand." |
|
09.08.37 |
Kerrl
lehnt es ab, auf eine Forderung des LKR einzugehen, den Aushang
des "Stürmers" in den Schulen abzustellen |
|
20.10.37 |
Meiser erhält in Dresden, wo er in der Kreuzkirche predigen
will, Redeverbot |
1938
|
19.04.38 |
Gegen
Meiser laufen vier Strafverfahren |
|
Dez.
38 |
Eingabe Meisers an Göring zur Entlassung Niemöllers - erst ein
zweites Exemplar, das Göring privat zugeleitet wird, erreicht
ihn |
1939
|
06.10.39 |
Nach
einer Besprechung Meisers mit Gauleiter Wagner sagt dieser am
5.9.1939 zu, dass der Religionsunterricht nur im Rahmen der
Verkürzung der übrigen Unterrichtsstunden gekürzt werden soll
|
1940
|
23.02.40 |
Meiser wird bei Reichsstatthalter von Epp wegen der
Euthanasieaktionen vorstellig - Epp sagt eine Untersuchung zu
|
1941
|
Mai
41 |
Verhör Meisers durch die Gestapo wegen eine Hirtenbriefes an
bayerische Geistliche im Felde, der unter das generelle Verbot
falle |
|
9.12.41 |
Schreiben Wurms an Hitler im Auftrag der Kirchenführer mit allen
Gravamina |
1942
|
Dezember 42 |
Meiser sieht den Bestand der Landeskirche im großen und ganzen
gewahrt |
Dass der Staat nicht nur mit seinen Deutschen Christen - entgegen aller
anfänglicher Beteuerungen - der Kirche generell feindlich gesonnen war,
offenbarte Hitlers Chefideologe Alfred Rosenberg, als er im Juni 1934
seinem Tagebuch anvertraute: (Hitler) "Betonte lachend nun mehr als
einmal, er sei von jeher Heide gewesen, es sei jetzt die Zeit gekommen,
da die christliche Vergiftung ihrem Ende entgegengehe." (Rauschning, S.
50).
Ein Jahr zuvor hatte Hitler bei der Begegnung mit Hans Meiser seine
Gesinnung schon preisgegeben, als er dem Protokoll des Landesbischofs
zufolge sagt: "Die Kirche müsse sich an die Lehren von Blut und Rasse
gewöhnen; so wenig die katholische Kirche es habe ändern können, dass
sich die Erde um die Sonne drehe, so wenig könnte die Kirche die
unwiderleglichen Tatsachen, die mit Blut und Rasse gegeben sind, aus der
Welt schaffen. Wenn sie dass nicht anerkennen, gehe eine Entwicklung
einfach über sie hinweg. Er gehe nicht in die katholische Kirche, aber
noch weniger möchte er in die evangelische gehen, die so von Streit
zerrissen sei." (Kretschmar, S. 50).
1937 wütet Rosenberg in seinem Buch "Protestantische Rompilger": "Der
marxistische Atheismus hatte keine Empörung gezeitigt, eine tief
religiöse deutsche Gläubigkeit aber wurde von leblosen Theologen
verflucht, weil sie... in anderen Formen leben wollte als jene, die sich
‚bekennende' Lutheraner nannten und doch nur eine schlechte Abart von
Rabbinern und Jesuiten geworden waren." (Rosenberg, S. 22).
Das NS-Regime duldete von Seiten der Kirchen keinerlei Einmischung in
seine Politik. Das machte Hitler deutlich, als er 1937 kundtat: "Soweit
sie sich um ihre religiösen Probleme kümmern, kümmert sich der Staat
nicht um sie. Wenn sie versuchen, durch irgendwelche Maßnahmen,
Schreiben, Enzykliken usw. sich Rechte anzumaßen, die nur dem Staat
zukommen, werden wir sie zurückdrücken in die ihnen gebührende
geistlich-seelsorgerische Tätigkeit." (Domarus, S. 690).
Ähnlich äußerte sich Hitler am 30.01.1939 in der Kroll-Oper zu Berlin:
"Der nationalsozialistische Staat wird... Priestern, die, statt Diener
Gottes zu sein, ihre Mission in der Beschimpfung unseres heutigen
Reiches, seiner Einrichtungen oder seiner führenden Köpfe sehen wollen,
unnachsichtig zum Bewusstsein bringen, dass eine Zerstörung dieses
Staates von niemandem geduldet wird... Die Staatsfeinde zu vernichten
ist seine Pflicht... Den deutschen Priester als Diener Gottes werden wir
beschützen, den Priester als politischen Feind des Deutschen Reiches
werden wir vernichten." (Domarus, S. 1058 f.).
Im selben Jahr drohte Alfred Rosenberg auf der Reichskulturtagung: "Dass
die katholische Kirche und mit ihr die evangelische Bekenntniskirche in
der heutigen Formgestaltung verschwinden müssen, darüber bin ich mir -
und ich glaube das auch im Sinne unseres Führers sagen zu können -
vollkommen klar... Weiterhin ist der Aufbau des Lehrplans in allen
Kategorien unserer Schulen bereits derartig in antichristlichem,
antijüdischem Sinne erfolgt, dass die aufwachsende Generation vor dem
schweren Schwindel bewahrt bleibt." (Neuhäusler, S. 259 f.).
Wie sehr die Kirche bedroht war, zeigt ein Dokument des
baden-württembergischen Landesbischofs Theophil Wurm, das im Auftrag der
Kirchenführerkonferenz, zu der auch Hans Meiser gehörte, verfasst wurde.
Wurm wurde, da er der älteste der Bischöfe war, zum Schriftführer
ernannt. Dieses Dokument ist zusammen mit zwei weiteren Schreiben Wurms
zur "Judenfrage" im Menüpunkt "Dokumente" zu finden.

|