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WESEN UND WIRKEN
Meisers Wirken nach dem II. Weltkrieg (1945 - 1955)
Nach dem Zusammenbruch des Hitler-Staates stand
Meiser vor vielen großen Aufgaben. Zunächst galt es, die nach Bayern
eingeströmten, aus ihrer Heimat in Ostpreußen, Pommern oder Schlesien
vertriebenen 700.000 evangelischen Christen auch kirchlich zu
integrieren. In den evangelischen Diasporagebieten vor allem Ostbayerns
entstanden in kurzer Zeit viele neue Gemeinden, die die Errichtung
zahlreicher Kirchen, Pfarr- und Gemeindehäuser notwendig machten. War
1939 die Bevölkerung Bayerns zu 24,86 % evangelisch, so war sie es 1950
zu 26,53 %. Unter den Vertriebenen befand sich auch eine große Anzahl
von Pfarrern, die in den Dienst der Landeskirche aufgenommen wurden.
Hand in Hand damit ging der Ausbau der kirchlichen Organisation durch
die Bildung neuer Dekanate und Pfarreien.
In dieser Zeit trug das von den beiden Großkirchen während des "Dritten
Reiches" gemeinsam erlittene Leid für ihr ökumenisches Verhältnis seine
Früchte. Meiser stellte 285 evangelische Kirchen für die Gottesdienste
katholischer Flüchtlingsgemeinden zur Verfügung; dafür durften die
evangelischen Heimatvertriebenen ihre Gottesdienste in 648 katholischen
Kirchen oder Kapellen abhalten. Für die Beziehungen zwischen den beiden
Kirchen war dies, besonders auf der Basisebene der Kirchengemeinden,
außerordentlich förderlich.
Die neu entstandenen Gemeinden erfuhren auch die seelsorgerliche
Zuwendung ihres Bischofs. Er besuchte die Notunterkünfte der
Heimatvertriebenen in der Diaspora auf vielen Reisen nach Unterfranken,
Ober- und Niederbayern sowie in die Oberpfalz.
Darüber hinaus gründete Meiser das "Evangelische Hilfswerk für
Internierte und Kriegsgefangene", dessen Leitung er Bischof Theodor
Heckel, der vorher im Kirchlichen Außenamt der Deutschen Evangelischen
Kirche tätig war, übertrug.
Auch der äußere Wiederaufbau erforderte viel Kraft und Umsicht der
Kirchenleitung. Zahlreiche zerstörte Gotteshäuser und andere kirchliche
Gebäude mussten wieder aufgebaut oder instand gesetzt werden, z.B. die
St. Lorenzkirche in Nürnberg. Sehr bewegt hat Meiser, dass er 1955,
schon im Ruhestand befindlich, die neu errichtete Matthäuskirche am
Sendlinger-Tor-Platz in München, welche den Ersatz für die 1938 von den
Nationalsozialisten willkürlich abgebrochene Matthäuskirche in der
Sonnenstraße darstellte, einweihen durfte.
Besonders kennzeichnend für seine vielfältige Aktivität ist die
Errichtung zahlreicher Institutionen, die für das neu erstandene Leben
der Landeskirche notwendig waren. Für die aus dem Kriegsdienst oder der
Gefangenschaft zurückkehrenden Geistlichen und Kandidaten gründete er
1946 ein Pastoralkolleg in Neuendettelsau. 1947 ließ er dort eine vom
Bayerischen Staat unabhängige kirchliche theologische Hochschule, "Augustana"
genannt, folgen. In klarer Erkenntnis, dass die "neue Zeit" eine Fülle
von Glaubensfragen und -problemen mit sich bringen würde, schuf er durch
den Kauf eines Schlosses am Starnberger See die "Evangelische Akademie
Tutzing", die aus dem dortigen Freizeitenheim hervorging und zum Forum
zahlreicher Tagungen mit Themen aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft,
Kunst und anderen gesellschaftlichen Bereichen wurde. Sachentsprechend
wurde für die ländliche Bevölkerung eine Volkshochschule auf dem
Hesselberg in Mittelfranken geschaffen, aus der gleiche Einrichtungen in
Bad Alexandersbad und Pappenheim hervorgingen.
Für den pädagogischen Bereich des Kirchenwesens entstand das
Katechetische Amt in Heilsbronn, die "Hochschule und das Institut für
evang. Kirchenmusik in der evang.-luth. Kirche in Bayern" in Bayreuth,
gleichfalls das dortige neue Predigerseminar, das später durch die
Predigerseminare in München und Neuendettelsau ergänzt wurde. Von großer
Bedeutung war auch die Errichtung des Evangelischen Pressedienstes sowie
des Claudius-Verlages in München.
Für Meiser gab es jedoch noch einen anderen Wirkungsbereich, der ihm am
Herzen lag: die Gestaltung des evangelischen und insbesondere
lutherischen Kirchenwesens im In- und Ausland. So beteiligte er sich an
der Schaffung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die einen
Kirchenbund aus den lutherischen, unierten und reformierten Kirchen
Deutschland darstellte. Im Lande der Reformation sollte jedoch das
Luthertum besonders zur Geltung kommen. Die bayerische Landeskirche war
theologisch durch Wilhelm Löhe, die theologische Fakultät der
Universität Erlangen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die
bischöfliche Gestalt des Oberkonsistorialpräsidenten Hermann von Bezzel
(1909 - 1917) konfessionell besonders geprägt.
Hans Meiser, von ihm stark beeinflusst, war schon in den frühen Jahren
seines Wirkens von dem Wunsch nach einem überregionalen, ja auch
weltweiten Zusammenschluss der lutherischen Kirchen erfüllt. Er erhoffte
sich davon eine größere Effizienz des reformatorischen Christentums.
Schon im Mai 1933 hatte er zur Anbahnung einer einheitlichen deutschen
evangelischen Kirche in Würzburg einen engen Zusammenschluss aller
deutschen lutherischen Kirchen angeregt und erreicht. 1936 wurde in
Leipzig der "Rat der Evangelisch-Lutherischen Kirchen Deutschlands"
gegründet, aus dem nach dem II. Weltkrieg die "Vereinigte
Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands" (VELKD) hervorging. Am
18.7.1948 wurde ihre Verfassung durch die verfassungsgebende
Generalsynode in Eisenach angenommen. Meiser wurde ihr erster Leitender
Bischof. Ihr gehörten die Gliedkirchen in Bayern, Braunschweig,
Hannover, Mecklenburg, Sachsen, Schaumburg-Lippe und Thüringen sowie die
Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche an.
Maßgebend beteiligt war Meiser auch an der Gründung des "Lutherischen
Weltbundes" 1947 in Lund/Schweden. Dieser zählt heute 131
Mitgliedskirchen in allen Weltteilen mit 59,5 Millionen Mitgliedern
(Lutherische Christen in der Welt insgesamt, d.h. einschließlich der
nicht dem Lutherischen Weltbund Angehörenden, 63 Millionen). Am 1. Mai
1955 trat Meiser in den Ruhestand, am 8.6.1956 starb er in München. |